Die Verwandlung

Die Verwandlung

Ein Schriftstück

 

1. Untertitel :

1. Januar 2030

 

2. Untertitel :

Der Praxistest

 

3. Untertitel :

Das liest,
wer schreiben will,
wie sie oder er spricht.

 

4. Untertitel :

Sprechschreibung statt Rechtschreibung

 

5. Untertitel :

Sprache kommt von Sprechen
und
Schreiben ist Sprechen mit Tinte

 

 

Für T. L.

***

statt Sonnenblumen

***

und für die ganze Gesellschaft

 

von

Roswitha Tytsch

 

Reden ist Silber und Schreiben ist etwas Anderes

Die meisten Menschen auf dieser Erde sprechen nicht Deutsch.

 

Deutsch für Fremdsprachige

Wenn fremdsprachige Menschen Deutsch als zusätzliche Sprache lernen wollen,
hören sie sich der deutschen Sprache in gesprochener Form gegenüber
und
sehen sich der deutschen Sprache in geschriebener Form gegenüber.

Die deutsche Sprache in ihrer gesprochenen Form
und
die deutsche Sprache in ihrer geschriebenen Form
sind nicht das Gleiche.

Es handelt sich um zwei verschiedene Sprachen :
Eine gesprochene Sprache mit Regeln über die richtige Aussprache
oder die Rechtsprechung,
und
eine geschriebene Sprache mit Regeln über die richtige Schreibung
oder die Rechtschreibung.

Wer Deutsch schreibt, schreibt nicht so, wie sie oder er spricht,
sondern anders als sie oder er spricht.

Wer die deutsche Sprache lernen will,
muss also zwei Sprachen und zwei Regelsysteme lernen.

Das macht die deutsche Sprache nicht leicht lernbar, ja sogar lernfeindlich,
so dass von den Menschen, die nicht Deutsch sprechen,
und das sind die meisten,
nur wenige Deutsch lernen,
–  was zur Folge hat,
dass die wenigen Menschen, die bereits Deutsch sprechen,
sich mit nur wenigen Menschen ,
die die deutsche Sprache als zusätzliche Sprache gelernt haben,
unterhalten können.

Die Deutschsprachigen bleiben so mehr oder weniger unter sich, igeln sich ein und kapseln sich ab.

 

Deutsch für Menschen, die deutschsprachig werden wollen

Nicht nur Menschen, die Deutsch als zusätzliche Sprache lernen wollen,
müssen zwei Regelsysteme lernen,
sondern auch die Kinder, die Deutsch als Muttersprache lernen.

Die deutsche Sprache macht ihren Erwerb also nicht nur den Fremdsprachigen,
sondern auch ihren eigenen Kindern schwer.

Wenn die Kinder nicht zwei Regelsysteme lernen müssten, sondern nur noch eines, dann könnten sie in der gewonnenen Zeit entweder nichts tun und ihre Kindheit geniessen oder in der gewonnenen Zeit und mit der gesparten Energie sich ein anderes Regelsystem aneignen, etwa das des Geigenspiels oder des Fussballspiels, oder sich auf andere Weise sinnvoll auf die Zumutungen des Lebens vorbereiten.

 

Schreibe das, was Du sprichst !

Das Lernen der deutschen Sprache wäre einfacher,
wenn Deutsch so geschrieben würde, wie es gesprochen wird.
Wer Deutsch lernen will, müsste dann nur noch lernen, deutsch zu sprechen,
und würde dann einfach so schreiben, was und wie sie oder er spricht.

 

Am Anfang war das gesprochene Wort

Sprache kommt von sprechen  –  und nicht von schreiben.

Am Anfang wurde nur gesprochen und nicht geschrieben.
Gott sprach zu sich und verkehrte mit Adam und Eva mündlich  –
und nicht schriftlich.

Die gesprochene Sprache besteht aus Lauten, die wir entstehen lassen,
indem wir aus unserer Lunge Luft durch unsere so oder anders verengten oder erweiterten Sprachwerkzeuge in Kehle und Mund an den Zähnen und Lippen vorbei hauchen und blasen und zum Beispiel „Hut“ sagen.
Wenn wir „Hut“ sagen, hauchen wir zuerst einen Hauchlaut,
lassen dann die Stimmbänder heulen wie ein Uhu,
stoppen dann den Luftstrom, indem wir die Zungenspitze hinter die oberen Vorderzähne pressen, und lassen dann, wenn genügend Luftdruck aufgebaut ist,
die Zunge plötzlich los und lassen so eine richtige T-Detonation ertönen.

/Sprix-1-1/

21. Januar 2019 / RT

 

Sage und schreibe

Um schriftlich festzuhalten, also um zu schreiben, was wir gesprochen haben,
können wir als erste Möglichkeit das Ding, das wir ausgesprochen haben, zeichnen,
wie die Chinesinnen und die Chinesen es tun,
also eine Zeichnungssprache verwenden und einen Hut zeichnen.  

Wenn wir einen Hut zeichnen, fertigen wir aber nicht einen zweiten Hut an,
sondern ordnen mit einem Stift auf einer Fläche Striche und Linien so an,
dass sie zusammen aussehen wie ein von einer Seite gesehener Hut. 
Während der wirkliche Hut draussen in der Wirklichkeit dreidimensional ist,
ist der gezeichnete Hut auf dem flachen Papier nur zweidimensional.  

Wer einen gezeichneten Hut sieht, weiss, 
–  und zwar unabhängig davon, ob sie oder er Deutsch spricht oder nicht, 
–  dass das ein Hut ist, dass damit ein Hut gemeint ist,
sie oder er weiss aber nicht,
wie es tönt, wenn eine deutschsprachige Person einen Hut in den Mund nimmt,
also das Wort „Hut“ ausspricht,
ja sie oder er weiss nicht einmal, welche Sprache die Person,
die den Hut gezeichnet hat, spricht. 
Wer einen gezeichneten Hut sieht, weiss, dass das ein Hut ist,
muss aber, da Zeichnungen nicht tönen, anderweitig wissen,
wie dieser Hut auf Deutsch ausgesprochen wird.  

Um schriftlich festzuhalten, was wir gesprochen haben,
kommt uns die Idee, wir könnten als zweite Möglichkeit versuchen,
nicht das Ding, das wir ausgesprochen haben,
sondern die Laute, die wir gesprochen haben, zu zeichnen,
also im Falle des Hutes
zuerst einen Hauchlaut,
dann ein Uhu-U und
schliesslich eine T-Detonation,
stellen dabei aber fest, dass alles das, was wir auch immer zeichnen, nicht tönt,
dass Laute nicht nur nicht sichtbar sind wie die Zähne der Mona Lisa,
sondern unsichtbar sind wie der Wind, man also Laute nicht zeichnen kann.  

In dieser Situation bleibt uns nichts anderes übrig, als uns darüber zu einigen,
wie wir die gesprochenen Laute mit einem nicht tönenden Zeichen darstellen wollen. 
So einigen wir uns darauf,
den Hauchlaut mit dem Zeichen „h“ darzustellen,
den Uhu-Laut mit dem Zeichen „u“ und
die T-Detonation mit dem Zeichen „t“.  

Dass das „h“ einen Hauchlaut darstellt, sehen oder hören wir dem „h“ nicht an, ebensowenig sehen oder hören wir dem „u“ an, dass es so tönt, wie ein Uhu heult,
und dass das „t“ für eine T-Detonation steht, wissen wir auch nur,
weil wir es anderweitig wissen; 
ansehen oder anhören können wir es dem „t“ nämlich nicht.  

Das „h“ und das „u“ und das „t“ sind also nicht etwa tönende Zeichnungen der Laute,
sondern sind von unseren Vorfahrinnen und Vorfahren vereinbarte,
nicht tönende, stumme Zeichen für die Laute.  

Wir haben diese Vereinbarungen übernommen und nennen diese Zeichen Buchstaben.  

Neben diesen gezeichneten, nicht tönenden, stummen Zeichen gibt es auch tönende Zeichen, akustische Signale wie etwa eine Schiffssirene, ein Trompetenstoss, eine Autohupe oder das Händeklatschen als Beifall nach einem Konzert. 
Von diesen tönenden Zeichen ist aber hier nicht die Schreibe, und da die Schreibe  –  wie eben gesehen  –  ja nicht tönt, schon gar nicht die Rede.

 

Es wäre schön

Es wäre schön und die deutsche Sprache wäre für Fremdsprachige leichter zu lernen und für Deutschsprachige leichter zu schreiben, wenn es so für jeden in der deutschen Sprache vorkommenden Laut ein Zeichen oder einen Buchstaben gäbe.  Wer die Buchstabenfolge „Hut“ sähe, wüsste dann, dass diese als Hauchlaut, Uhu-U und T-Detonation, eben „Hut“ ausgesprochen wird; 
und wer die ausgesprochene Lautfolge Hauchlaut, Uhu-U und T-Detonation hörte, wäre dann ohne weiteres im Stande, diese als Buchstabenfolge „h“ und „u“ und „t“ zu schreiben.

 

Dumm ist nur

Dumm ist nur, dass in der deutschen Sprache über 40 Laute ausgesprochen werden,
dass es aber nur 29 Buchstaben gibt,
mit denen diese über 40 Laute schriftlich dargestellt werden.  

Das „u“ zum Beispiel wird nicht immer als Uhu-u wie in „Hut“ ausgesprochen,
sondern in gewissen Fällen als dumm-u wie eben in „dumm“, „und“, „unter“, „Butter„ oder „Zucker“, wohingegen das „u“ in „nur“ wiederum als Uhu-u wie in „Hut“ ausgesprochen wird.  Dem einzelnen „u“ allein sieht man nicht an, ob es als Uhu-u oder als dumm-u ausgesprochen wird.  Wir haben hier also den Fall, dass ein und derselbe Buchstabe für zwei verschiedene Laute stehen kann.  Ob ein „u“ in einem Wort als Uhu-u oder als dumm-u ausgesprochen wird, ergibt sich aus der Geschichte dieses Wortes, die aber die wenigsten Leute kennen, und fremdsprachige Personen, die Deutsch lernen wollen, schon gar nicht.  

Der „Hut“ wird, wie gehört und gesehen, mit der Lautfolge Hauchlaut, Uhu-U und T-Detonation ausgesprochen und dementsprechend ganz zwangslos mit der Buchstabenfolge „h“ und „u“ und „t“ geschrieben. 
Der „Hut“ tönt mit drei Lauten und erscheint in drei Buchstaben.  

Demgegenüber tönt etwa die „Kuh“ mit zwei Lauten : 
mit einem Knallkörper-k und mit einem Uhu-u, erscheint aber mit drei Buchstaben.  Der Buchstabe „h“ am Schluss des geschriebenen Wortes wird nun aber nicht etwa als Hauchlaut gehaucht wie am Anfang des „Hutes“, sondern er wird überhaupt nicht ausgesprochen.  Sein einziger Zweck besteht darin, darauf hinzuweisen, dass das Uhu-u in „Kuh“ nicht als kurzes „u“ ausgesprochen wird wie etwa in der zweiten Silbe von „Uhu“, sondern als langes „u“ wie eben in „Hut“, wobei das „u“ in „Hut“ als langes „u“ ausgesprochen wird, ohne dass dort darauf noch mit einem „h“ besonders hingewiesen würde, das Wort also nicht als „Huht“ geschrieben wird.  Es zeigt sich also, dass der Buchstabe „h“ einmal für einen Hauchlaut stehen kann und einmal als Längezeichen gebraucht werden kann.  

/Sprix-1-2/

19. Februar 2019 / RT

 

1. Stücklein :

Obst und Gemüse

Stellen Sie sich in einer Stadt in einem deutschsprachigen Land eine Obst- und Gemüsehandlung vor in einem Stadtviertel, in dem viele Menschen wohnen, die nicht Deutsch, sondern viele andere Sprachen sprechen. Stellen Sie sich weiter vor, die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler habe frühmorgens auf dem Grossmarkt günstig Himbeeren, Uglis (das ist eine Kreuzung zwischen Grapefruit, Orange und Tangerine) und Tomaten erwerben können und möchte diese nun heute den Leuten in diesem babylonischen Stadtviertel anbieten.  Zu diesem Zweck könnte sie oder er an das Schaufenster schreiben : 

Himbeeren

Uglis

Tomaten

und zwar in sieben Sprachen. Auf diese Weise würde die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler alle Leute, die eine dieser sieben Sprachen sprechen, erreichen und vielleicht als Käuferinnen und Käufer dieser Himbeeren, Uglis und Tomaten gewinnen.  Da fällt der mehrsprachigen Obst- und Gemüsehändlerin oder dem mehrsprachigen Obst- und Gemüsehändler ein, dass die Menschen, die eine achte oder neunte oder eine weitere Sprache sprechen, die Schrift auf dem Schaufenster nicht verstehen können und als Kundschaft nicht in Frage kommen.  Sie oder er sieht aber, dass auf dem Schaufenster kein Platz mehr ist, auf dem in weiteren Sprachen auf das Angebot hingewiesen werden könnte.  Ein Geistesblitz durchzuckt sie oder ihn, mit einem grossen Schwamm wischt sie oder er die 21 Obst- und Gemüsewörter weg und zeichnet mit Pinsel und schönen Farben

Himbeeren

Uglis

Tomaten

auf die Schaufensterfläche. Sie oder er erreicht so das ganze Diplomatenviertel und am Abend ist alles weg und verkauft. 

An den folgenden Tagen stellt die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler fest, dass die Käuferinnen und Käufer offenbar die grossen Uglis den kleinen Uglis vorziehen, jedenfalls sind am Mittag die grossen Uglis weg und die Nachmittagskundinnen und Nachmittagskunden kaufen die verbleibenden kleinen Uglis eher widerwillig, aber kaufen tun sie sie, da Nachspeise mit Uglimousse zur Zeit grosse Mode ist.

Erfreut ist die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler, als es ihr oder ihm am nächsten Morgen in der Frühe auf dem Grossmarkt gelingt, drei Kisten mit lauter grossen Uglis zu ersteigern. Zurück in ihrem oder seinem Geschäft zeichnet sie oder er frohgemut mit Pinsel und schönen Farben

Uglis Himbeeren

auf die Schaufensterfläche. In der Mitte des Vormittags trinkt sie oder er Tee im Hinterraum, als die Köchin oder der Koch einer fremdsprachigen Vertretung die Obst- und Gemüsehandlung betritt und in gebrochenem Deutsch vier Schälchen Himbeeren wünscht.  Die Himbeersaison sei jetzt vorbei, erklärt die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler und empfiehlt der Küchenperson die grossen Uglis.  Erstaunt ob dieser Antwort zeigt die Küchenperson auf die schöne, rote Himbeerzeichnung auf der Schaufensterfläche und sagt dazu mit fester Stimme :  „Aber Himbeeren bieten Sie doch hier an !“  Die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler erkennt nun den Gedankengang und das Missverständnis der fremdsprachigen Küchenperson und erklärt ihr geduldig mit deutschsprachigem Wohlwollen, dass in deutschsprachigen Zeichnungen Himbeeren nach Uglis nicht Himbeeren darstellen, sondern besagen, dass die voranstehenden Uglis grosse Uglis sind und dass von Himbeeren keine Rede sein könne.  Verdutzt ob dieser deutschsprachigen Erklärung verlässt die enttäuschte Köchin oder der enttäuschte Koch die Obst- und Gemüsehandlung und macht sich auf die Suche nach Himbeeren.

 

Dümmer noch

Wie gesehen, ist es dumm genug,
dass in der deutschen Sprache über 40 Laute ausgesprochen werden,
dass es aber nur 29 Buchstaben gibt,
mit denen diese über 40 Laute schriftlich dargestellt werden.
Noch dümmer aber ist, dass für den gleichen Laut
einmal ein Buchstabe und einmal ein anderer Buchstabe verwendet werden;
so wird also trotz Buchstabenknappheit ein Buchstabe verschleudert. 

Wie gehört und gesehen, wird der erste Laut der „Kuh“ als Knallkörper-k ausgesprochen und als Knallkörper-k dargestellt, ebenso in „kalt“, „Kokosnuss“ und „kunterbunt“.
Als Knallkörper-k ausgesprochen wird aber auch der erste Laut in „Cabriolet“, „Cadmium“, „Café“, „Castro Fidel“, „Cognac“ und „Cousin“;  wobei anzumerken ist, dass französischsprachige Personen in ihrem Französisch
das Knallkörper-k in französischen Wörtern anders aussprechen
als Personen deutscher Sprache dies im Deutschen tun.
In Abweichung vom Prinzip der Uniformität
wird also der gleiche Laut des Knallkörper-k’s

einmal mit dem Buchstaben „k“ und
einmal mit dem Buchstaben „c“
dargestellt.
Erleichtert wird dadurch das Erlernen der deutschen Sprache,
weder für fremdsprachige Personen noch für Kinder deutschsprachiger Eltern, nicht.

 

Es kommt noch schlimmer

Damit ist aber der Verwirrung nicht genug.
Es ist nicht nur so, dass der eine Knallkörper-k-Laut
einmal mit dem Buchstaben „k“ und
einmal mit dem Buchstaben „c“ dargestellt wird,
sondern der Buchstabe „c“ stellt auch zwei andere Laute, also ein Lautpaar, dar,
nämlich eine T-Detonation und ein Slalom-s, also ein Citronen-ts,
wie zum Beispiel in „Caesar“, „Cäcilia“, „Celsius“ und „Citrone“.
In ein und denselben Wörtern „circa“ und „Circus“
stellt der Buchstabe „c“ bei seinem ersten Auftritt
die zwei Laute einer T-Detonation und eines Slalom-s’, also eines Citronen-ts’, dar,
bei seinem zweiten Auftritt hingegen stellt er einen Knallkörper-k-Laut dar. 

Der Buchstabe „c“
kann aber nicht nur die zwei Laute einer T-Detonation und eines Slalom-s’ darstellen,
sondern auch zwei andere Laute,
nämlich eine T-Detonation und ein Schaumwein-sch wie etwa in „Cello“ oder „Cembalo“. 

Wer wollte da noch Deutsch lernen ?

/Sprix-1-3/

21. März / RT

 

2. Stücklein :

Wieder einmal Obst und Gemüse

Wieder einmal kommt die Küchenperson am Schaufenster
der Obst- und Gemüsehändlerin oder des Obst- und Gemüsehändlers vorbei und sieht dort schöne

Citronen Himbeeren

hingemalt.
Erfreut, dass wieder Himbeersaison ist, betritt sie den Laden und wünscht eine Citrone und vier Schälchen Himbeeren.  Weder das eine noch das andere sei zu haben, gibt ihr die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler zur Antwort.  Die Küchenperson deutet auf die gemalten Citronen und Himbeeren am Schaufenster, die auch von innen sichtbar sind, und sagt, sie wisse ja vom letzten Mal, dass Uglis und Himbeeren nicht Uglis und Himbeeren, sondern grosse Uglis bedeuten;  hier seien aber Citronen und Himbeeren hingemalt, was ja wohl nichts anderes bedeuten könne, als dass solche hier feil seien, und sie wünsche also von diesen.  Nun legt die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler der Küchenperson ausführlich dar, dass auf deutschsprachige Schaufenster gemalte Citronen und Himbeeren weder Citronen noch Himbeeren bedeuten, sondern dem Publikum kund tun, dass hier Champignons erworben werden können.  Mit zunehmendem Erstaunen und sehr verwirrt hört sich die Küchenperson diese deutschsprachigen Darlegungen an und denkt mit Sehnsucht an ihre ferne Heimat auf einem anderen Erdteil, wo die Menschen als Höhlenbewohnerinnen und Höhlenbewohner leben, an deren Höhlenwänden aber ein hingemalter Mammut einen Mammut darstellt und ein hingemalter Bison einen Bison, und nicht ein Pferd und ein Rind zusammen einen Hirsch darstellen.  Da sie Champignons für einen Nachtisch nicht geeignet hält, kauft sie davon keine, geht auf der Strasse weiter und schaut, ob sich in Auslagen anderer Geschäfte etwas Geeignetes fände.  Unbeschwert und in Ruhe tun kann sie das nicht, da sie immer wieder von Zweifelsschüben befallen wird, die sie bei der Betrachtung der Auslagen innerlich beeinträchtigen.  Immer mehr zweifelt sie daran, ob es ihren lieben Landsleuten, die aus dem Höhlenbewohnerland in diese viel verheissende deutsche Sprachlandschaft ausgewandert sind und hier ihr Glück suchen wollen, je gelingen wird, den für einen dauernden Verbleib von Leuten mit Völkerwanderungshintergrund geforderten Integrationstest zu bestehen, da doch offenbar die deutschsprachigen Einheimischen in einer unlogischen, aberwitzigen, ja unvernünftigen Gedankenwelt denken und leben, die vom gesunden Menschenverstand der Höhlenbewohnerinnen und Höhlenbewohner so weit entfernt zu sein scheint, dass ihr das richtige Beantworten des langen Integrationsfragebogens immer mehr als aussichtsloses Unterfangen erscheint.

 

Etwas, das nichts bedeutet, statt nichts

Einerseits wird also der eine Knallkörper-k-Laut einmal mit dem Buchstaben „k“
wie in „Kuh“, „kalt“, „Kokosnuss“ und „kunterbunt“ dargestellt und
einmal mit dem Buchstaben „c“ wie in „Cabriolet“, „Cadmium“, „Café“, „Castro Fidel“, „Cognac“ und „Cousin“. 

Anderseits wird der Buchstabe „c“ also einmal als Knallkörper-k ausgesprochen
wie in „Cabriolet“, „Cadmium“, „Café“, „Castro Fidel“, „Cognac“ und „Cousin“
und einmal als T-Detonation und ein Slalom-s, also als Citronen-ts,
wie in „Caesar“, „Cäcilia“, „Celsius“ und „Citrone“. 

Diese beiden Buchstaben „c“ und „k“ treten auch gemeinschaftlich als Paar auf
wie etwa in „Backstube“, „Wackelkontakt“ und „Bockbier“,
ausgesprochen wird dieses Paar aber als ganz gewöhnliches Knallkörper-k,
es wird also nicht anders ausgesprochen, als wenn hier „Bakstube“, „Wakelkontakt“ und „Bokbier“ stünde.  Wer also „Backstube“, „Wackelkontakt“ und „Bockbier“ sieht, kann sich das „c“ jeweils gerade wegdenken.  Statt etwas hinzuschreiben, das nichts bedeutet, könnte man also geradeso gut und noch viel einfacher nichts hinschreiben. 

/Sprix-1-4/

19. April 2019 / RT

 

3. Stücklein :

Nichts mit fatalen Folgen

An einem heiteren Morgen malt die Obst- und Gemüsehändlerin oder
der Obst- und Gemüsehändler in schönen Farben

Citronen Kiwis

an das Schaufenster ihres oder seines Obst- und Gemüsegeschäftes hin. Gegen Mittag springen diese unserer Küchenperson in die Augen, worauf diese beschliesst, davon für den heutigen Nachtisch zu erwerben.  Die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler begrüsst sie freundlich und fragt, was sie wünsche.  „Eine Citrone und acht Kiwis, bitte !“, äussert die Küchenperson ihren Wunsch.  Kiwis seien zu haben, Citronen hingegen nicht, antwortet die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler freundlich.  „Sie haben sich heute morgen doch die Mühe gemacht, nicht nur Kiwis, sondern auch Citronen auf die Schaufensterscheibe hinzumalen;  Sie werden die Citronen ja wohl nicht ohne Grund hingemalt haben !“, entgegnet darauf die Küchenperson.  „Doch, ganz ohne Grund !  Wer Kiwis zu verkaufen hat, tut dies der Käuferschaft kund, indem sie oder er Kiwis auf die Schaufensterscheibe malt.  Deutschsprachige Obst- und Gemüsehändlerinnen und deutschsprachige Obst- und Gemüsehändler malen in einer solchen Situation dazu auch noch gerne Citronen hin, und zwar auch dann, wenn keine Citronen zu verkaufen sind !“, erklärt die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler der Küchenperson in liebenswürdigen Worten.  Ob dieser Erklärung fällt die Küchenperson aus allen Wolken.  Sie kann sich kaum fassen und ist nahe daran, ohnmächtig zu werden.  Die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler erkennt die Lage und bietet ihr einen Stuhl und ein Glas Cognac an.  Die Küchenperson nimmt beides gerne an und versucht, ihre Gedanken zu sammeln.  Sie kann nicht verstehen, dass eine vernünftige Person etwas hinmalt, das nichts bedeutet, anstatt dann, wenn es nichts zu bedeuten gibt, einfach nichts hinzumalen.  Wenn in ihrer Höhlenbewohnerheimat eine Höhlenmalerin oder ein Höhlenmaler keinen Grund hat, einen Mammut an die Höhlenwand zu malen, dann malt sie oder er keinen Mammut an die Höhlenwand.  Würde sich eine Höhlenmalerin oder ein Höhlenmaler gleich wie die deutschsprachigen Obst- und Gemüsehändlerinnen oder die deutschsprachigen Obst- und Gemüsehändler verhalten, würde sie oder er einen Mammut an die Höhlenwand malen und dann dazu erklären, dieser gemalte Mammut stelle keinen Mammut dar und bedeute nichts.  Sie nimmt einen Schluck Cognac und vermag sich an keine Höhlenbewohnerin und an keinen Höhlenbewohner erinnern, die oder der eine solche Höhlenmalerin oder einen solchen Höhlenmaler nicht als verrückt geworden erachten würde. 

Was sie aber am meisten beunruhigt, ist der Umstand, dass das verrückte Verhalten der deutschsprachigen Obst- und Gemüsehändlerinnen und der deutschsprachigen Obst- und Gemüsehändler niemandem ausser ihr auffällt, dass niemand ausser ihr daran Anstoss nimmt. Die Küchenperson kann sich das nur so erklären, dass deutschsprachige Menschen insgesamt etwas von der Vernunft abgerückt, also verrückt sein müssen.  Dass sie Citronen malen, wo es keine gibt, weiss sie oder er jetzt.  Aber sie muss damit rechnen, dass die Deutschsprachigen auch anderweitig etwas verrückt sind.  Sie weiss aber nicht, bei welchen Gelegenheiten und in welcher Form diese Verrücktheit wieder in Erscheinung treten kann.  Das ist das Unheimliche.  Sie muss angesichts jedes Deutsch sprechenden Menschen auf alles gefasst sein. 

Nachdem sie sich vom Schreck etwas erholt hat, bedankt sie sich für die Sitzgelegenheit und den belebenden Cognac, kauft acht Kiwis und versucht auf diese Weise, in der Normalität des Alltags wieder Fuss zu fassen. Immer noch etwas benommen verlässt sie die Obst- und Gemüsehandlung und wirft beim Weggehen nochmals einen ungläubigen Blick auf die auf das Schaufenster gemalten Citronen, die also so gar nichts, nicht einmal ausverkaufte Citronen, bedeuten sollen, zurück.  Nach diesem Erlebnis sieht sie auf dem Nachhauseweg deutschsprachig aussehende Menschen mit misstrauischen Augen an.  Unterwegs betritt sie noch kurz das Postamt, um Briefmarken zu kaufen, und steht vor einer Tür mit der Aufschrift „Stossen“.  Aufgrund ihrer in diesem Land gemachten Erfahrung mit den Himbeeren, die kleine Uglis gross machen, und den Citronen und den Himbeeren, die Champignons bedeuten, muss sie nun damit rechnen, dass hier „Stossen“ möglicherweise „Stossen“, vielleicht aber auch „Ziehen“ bedeuten kann.  Sie tritt also nicht mit Schwung stossend an die Tür, sondern versucht zuerst einmal vorsichtig, den Türgriff sachte hin und her zu bewegen, und ist dann erstaunt, dass hier „Stossen“ tatsächlich „Stossen“ bedeutet, und kauft am Schalter ihre Briefmarken.  Als sie durch die Tür hinaus geht, wird ihr bewusst, dass in einem Land, in dem einiges nicht so ist, wie es sein soll, die Feststellung, dass etwas doch so ist, wie es sein soll, die gleiche Überraschung und das gleiche Erstaunen auslöst, wie die Feststellung, dass etwas nicht so ist, wie es sein soll, und dass dort, wo man auf alles gefasst sein muss, einem nichts „wider Erwarten“ geschehen kann. 

 

Etwas ganz anderes statt nichts und nochmals anders als auch schon
und das Ganze dreifach

Der Buchstabe „c“ wird als Knallkörper-k ausgesprochen
in „Cabriolet“, „Cadmium“, „Café“, „Castro Fidel“, „Cognac“ und „Cousin“,
als T-Detonation und Slalom-s, also als Citronen-ts,
in „Caesar“, „Cäcilia“, „Celsius“ und „Citrone“
und ist wie nicht da in „Backstube“, „Wackelkontakt“ und „Bockbier“. 

Wenn sich der Buchstabe „c“ nicht mit dem Buchstaben „k“ paart,
sondern mit dem Buchstaben „h“,
dann bedeutet der Buchstabe „c“ nicht nichts wie in „ck“;
der Buchstabe „c“ wird aber einerseits
weder als Knallkörper-k noch als Citronen-ts ausgesprochen,
und es wird anderseits der Buchstabe „h“ auch nicht als Längezeichen
wie in „Kuh“ gebraucht,
sondern die Verbindung „ch“ kann

–         entweder als Schwalben-sch ausgesprochen werden,
also so, wie es rauscht, wenn eine Schwalbe vorbeifliegt,
zum Beispiel in „Champignon“, „Champagner“ und „Chicorée“,

–         oder als rauer Reibelaut wie in „Ach“, „Bach“, „Lochkartensystem“ und „Buchstabe“,

–         oder als weicher Reibelaut wie in „Ich“, „Kichererbse“, „lieblich“ und „fürchterlich“, 

–         oder als Knallkörper-k wie in „Chaos“, „Chlor“ und „Chor“. 

Es ist nachvollziehbar, dass es für eine fremdsprachige Person, die sich vorgenommen hat, Deutsch zu lernen, aber auch für ein Kind deutschsprachiger Eltern, das lernt, seine deutsche Muttersprache zu lesen und zu schreiben, nicht immer leicht ist, zu deuten, was ein in einem Text erscheinendes „c“ gerade bedeutet und wie es auszusprechen ist. Es erweist sich also, dass die ursprüngliche Idee, die gesprochenen Laute darzustellen und jeden Laut mit einem eigenen Buchstaben wiederzugeben, nicht folgerichtig verwirklicht ist, so dass die Leserin und der Leser misstrauisch jeden einzelnen Buchstaben daraufhin prüfen muss, ob er nun ein wirklicher Buchstabe ist, der einem Laut entspricht, oder ob er zu einer Verbindung von Buchstaben gehört, die erst zusammen einem Laut entsprechen.  Erleichtert wird auf diese Weise das Lesen nicht. 

/Sprix-1-5/

18. Mai 2019 / RT

 

4. Stücklein :

Die Katastrophe

An einem heiteren Morgen malt die Obst- und Gemüsehändlerin
oder der Obst- und Gemüsehändler in schönen Farben

Sellerie Citronen Himbeeren

an das Schaufenster ihres oder seines Obst- und Gemüsegeschäftes hin. Dass auf deutschsprachigen Schaufenstern gemalte Citronen und Himbeeren dem Publikum kund tun, dass hier Champignons erworben werden können, erschien der Küchenperson der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes bei ihrem damaligen Besuch im Obst- und Gemüsegeschäft unverständlich.  So unverständlich es ihr damals erschien, so fest steht das heute noch in ihrem Gedächtnis.  Es schaltet darum bei ihr sofort, als sie die gemalten Citronen und Himbeeren auf dem Schaufenster sieht.  Sogleich betritt sie das Obst- und Gemüsegeschäft, da in der Küche ihrer Vertretung für die Jägersauce zum heutigen Wildschweinbraten gerade Champignons benötigt werden.  Ein Pfund Champignons hätte sie gerne gekauft, antwortet sie der Obst- und Gemüsehändlerin oder dem Obst- und Gemüsehändler auf deren oder dessen Frage nach ihrem Wunsch.  „Ich glaube, Sie brauchen einen Cognac“, entgegnet darauf die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler, die oder der im ersten Moment ob diesem ausgefallenen Wunsch nach Champignons stutzt, dann aber sofort gewahr wird, dass sie oder er ja die Küchenperson von der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes vor sich hat, die bei ihrem letzten Besuch mangels genügender Kenntnisse der deutschsprachigen Schaufenstermalerei beinahe in Ohnmacht gefallen wäre.  Sie oder er ahnt auch, aufgrund welchen absonderlichen Gedankenganges diese Küchenperson dazu kommt, Champignons zu wünschen.  „Sie erinnern sich wohl, dass ich Ihnen unlängst erklärt habe, dass auf deutschsprachige Schaufenster gemalte Citronen und Himbeeren weder Citronen noch Himbeeren bedeuten, sondern Champignons“, beginnt die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler einfühlsam, nachdem sich die Küchenperson gesetzt und einen ersten Schluck Cognac zu sich genommen hat.  „Und genau das haben Sie ja wieder hingemalt, und Champigons sind genau das, was ich brauche.  In unserer Jägersauce ist Sellerie keine Zutat“, antwortet die Küchenperson, etwas erstaunt über den ihr aufgedrängten Cognac.  „Heute habe ich aber nicht Citronen und Himbeeren auf das Schaufenster gemalt, sondern Sellerie, Citronen und Himbeeren.  Und das bedeutet auf meinem deutschsprachigen Schaufenster nichts anderes, als dass ich heute Schnittlauch als günstiges Angebot dem Publikum anpreise.  Sellerie allein …“  –  „Schnittlauch ?“, entfährt es der Küchenperson in ungläubigem Staunen, und sie verschluckt sich am zweiten Schluck Cognac, den sie eben genommen hat, beginnt zu husten und fällt in Ohnmacht.  Die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler hält sie im Stuhl fest, fächelt ihr Luft zu, bis sie wieder zu sich kommt.  Die Küchenperson kommt zwar wieder zu sich, doch es zeigt sich, dass sie den Verstand verloren hat und wahnsinnig geworden ist.  Die Obst- und Gemüsehändlerin oder der Obst- und Gemüsehändler bietet die Gesundheitsdienste auf.  Diese kommen und bringen die Küchenperson in eine Wahnsinnsklinik, wo sie während der nächsten Tage untersucht wird. 

Dass ein Mitglied der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes von der deutschsprachigen Schaufenstermalerei in den Wahnsinn getrieben worden ist, verbreitet sich bei den Höhlenbewohnerinnen und Höhlenbewohnern durch das Internet weltweit und besonders im Höhlenbewohnerland in kürzester Zeit. In allen grossen Städten der Welt, wohin Höhlenbewohnerinnen und Höhlenbewohner ausgewandert sind, demonstrieren sie auf den Strassen und bewirken spontane Unruhen, deren Sinn aber von niemandem verstanden wird.  In der Hauptstadt des Höhlenbewohnerlandes aber kommt es zu einer Grossdemonstration besonnener und vernünftiger Einwohnerinnen und Einwohner.  In einem langen Umzug marschieren sie auf die deutschsprachige Vertretung zu und tragen Spruchbänder mit der Aufschrift „Nieder mit der wahnsinnigen deutschsprachigen Schaufenstermalerei !“ oder „Ein Mammut ist ein Mammut und Citronen und Himbeeren sind keine Champignons !“ oder „Für die Selbständigkeit des Schnittlauchs !“  Junge Höhlenbewohnerinnen und Höhlenbewohner sammeln das von den Kastanienalleebäumen gefallene Herbstlaub in grossen Körben zusammen, durchbrechen die zum Schutze der deutschsprachigen Vertretung aufgestellten Reihen von Polizistinnen und Polizisten und entleeren die Körbe in den schön gestalteten deutschsprachigen Vertretungsgarten.  Aus der weiteren Umgebung eintreffende Demonstrantinnen und Demonstranten bringen weiteres, in den umliegenden Wäldern aufgelesenes Herbstlaub mit und werfen es auf das deutschsprachige Vertretungsgrundstück, bis dieses in einem Ozean von oktoberbunten Blättern von Buchen, Eichen und Kastanien unsichtbar versunken ist. 

Mit grosser Anstrengung gelingt es am nächsten Morgen dem Laubbläserinnen- und Laubbläser-Ensemble der Stadtgärtnerei, wenigstens einen schmalen Zugang zum Portal der deutschsprachigen Vertretung freizublasen.

Als die Königin oder der König der deutschsprachigen Sprachlandschaft, gewissermassen das deutschsprachige Sprachrohr, von diesen wilden Demonstrationen und unverständlichen Unruhen vor der deutschsprachigen Vertretung in der Hauptstadt des Höhlenbewohnerlandes hört, gerät sie oder er ausser sich und lässt die Leiterin oder den Leiter der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes zu sich kommen. In aller Form protestiert das deutschsprachige Sprachrohr gegen die Ausschreitungen vor der deutschsprachigen Vertretung in der Hauptstadt des Höhlenbewohnerlandes und weist diese als Einmischung in die inneren Angelegenheiten der deutschsprachigen Sprachlandschaft und in die deutschsprachige Schaufenstermalerei entrüstet zurück.  Allein der Umstand, dass die Höhlenbewohnerinnen und die Höhlenbewohner die Eigenheiten der deutschsprachigen Schaufenstermalerei nicht verstünden, berechtige diese in keiner Weise zu derartigem unordentlichem Verhalten und zum Umherwerfen mit allerlei Herbstlaub im deutschsprachigen Vertretungsgarten.  Dass ein Mitglied der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes im Unverständnis der deutschsprachigen Schaufenstermalerei dem Wahnsinn verfallen sei, bedauert das Sprachrohr zutiefst.  Es empfiehlt der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes, neue Mitglieder seiner Vertretung besser mit den Eigenheiten der deutschsprachigen Schaufenstermalerei vertraut zu machen, bevor sie in die deutschsprachige Sprachlandschaft entsandt werden. 

Die Leiterin oder der Leiter der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes hört sich die Darlegungen des deutschsprachigen Sprachrohrs höflich an. Sie oder er führt gegenüber dem deutschsprachigen Sprachrohr aus, dass die menschenähnlichen Vorfahrinnen und Vorfahren der Höhlenbewohnerinnen und Höhlenbewohner nicht von den afrikanischen Bäumen heruntergeklettert seien, sich in den heissen Savannen mühsam das Gehen auf zwei Beinen angeeignet und sich zu weisen und vernünftigen Menschen entwickelt hätten, um nun hier in der deutschsprachigen Sprachlandschaft erleben zu müssen, dass sich die deutschsprachigen Schaufenstermalerinnen und die deutschsprachigen Schaufenstermaler gegen jede Vernunft verhalten :  nach Uglis Himbeeren malen, die nicht Himbeeren, sondern grosse Uglis bedeuten;  Citronen und Himbeeren malen, die weder Citronen noch Himbeeren, sondern Champignons bedeuten;  und Sellerie, Citronen und Himbeeren malen, die weder Sellerie noch Citronen noch Himbeeren, sondern Schnittlauch bedeuten.  Das sei ein deutschsprachiger Schlag ins Gesicht jeder Vernunft, trete den gesunden Menschenverstand mit Füssen, sei eine Abwendung vom homo sapiens und der Aufbruch zur Rückkehr auf die Bäume.  Zum Schluss ihrer oder seiner Ausführungen erdreistet sich die Leiterin oder der Leiter der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes, der Königin oder dem König der deutschsprachigen Sprachlandschaft zu empfehlen, die deutschsprachigen Schaufenstermalerinnen und die deutschsprachigen Schaufenstermaler dazu zu bewegen, ganz einfach grosse Uglis, Champignons und Schnittlauch auf die deutschsprachigen Schaufenster zu malen. 

Mit widerstrebender Höflichkeit zunächst und dann mit zunehmender Aufmerksamkeit folgt und lauscht die deutschsprachige Königin oder der deutschsprachige König den Vorhaltungen der sprechenden Höhlenbewohnerin oder des sprechenden Höhlenbewohners. Widerstrebend zunächst gegen die Situation, dass sie oder er, Sohn oder Tochter einer erfolgreichen Pinselfabrikantin oder eines erfolgreichen Pinselfabrikanten, die oder der es nach ihrem oder seinem abgeschlossenen Studium der Kunstgeschichte immerhin zum gewählten obersten Sprachrohr einer hochzivilisierten, ja hochkultivierten Sprachlandschaft gebracht hat, sich gezwungen sieht, aus diplomatischem Anstand sich die urtümlichen Bemerkungen eines Urmenschen anzuhören.  Mit zunehmender Aufmerksamkeit infolge ihrer oder seiner plötzlichen Erkenntnis, dass ihr oder ihm die urtümlichen Erklärungen des Urmenschen nicht nur gemeinverständlich, sondern geradezu logisch, ja zwingend erscheinen. 

Die Leiterin oder der Leiter der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes hat ihre oder seine Darlegungen längst beendet, als das deutschsprachige Sprachrohr tief in Gedanken versunken schweigend da sitzt und darüber nachsinnt, wie sie oder er und offenbar die Gesamtheit der Bewohnerinnen und Bewohner der deutschsprachigen Sprachlandschaft es nur fertig gebracht haben, während Jahrhunderten und lebenslänglich wider jede Vernunft Uglis und Himbeeren als grosse Uglis, Citronen und Himbeeren als Champignons und Sellerie, Citronen und Himbeeren als Schnittlauch zu verstehen –  und dabei nicht den Verstand zu verlieren und nicht wahnsinnig zu werden.  Versunken in solche Gedanken vergisst sie oder er für eine kurze Weile, wo sie oder er sich befindet, und schreckt auf, als wie von weit her sanfte Worte des Urmenschen an ihr oder sein Ohr dringen. 

Ängstlich und besorgt zugleich sitzt der Urmensch dem versonnen-sprachlosen Sprachrohr gegenüber, im Ungewissen darüber, welche Reaktion, –  ein ungestümer Ausbruch oder ein menschliches Verständnis,  –  von diesem zu erwarten sei.  Die Regeln der menschlichen Vernunft, hebt der Urmensch nun leise an, der gesunde Menschenverstand und die Gesetze der Logik seien zeitlos, an keine Stufe der Zivilisation und an keine Kulturebene gebunden, sie seien zudem derart einleuchtend und selbsterklärend, dass die Höhlenbewohnerinnen und die Höhlenbewohner tief überzeugt seien, dass die deutschsprachigen Schaufenstermalerinnen und die deutschsprachigen Schaufenstermaler, sobald sie nur einmal vom Blitz der logischen Erkenntnis getroffen seien, unverzüglich und für immer und ewig einfach grosse Uglis, Champignons und Schnittlauch auf ihre Schaufenster malen werden;  ja, dass sie selber nicht mehr verstehen werden, aus welchen unerfindlichen Gründen sie je Uglis und Himbeeren für grosse Uglis, Citronen und Himbeeren für Champignons und Sellerie, Citronen und Himbeeren für Schnittlauch haben malen können.  Aufgrund dieser tiefen Überzeugung hätten darum die Höhlenbewohnerinnen und die Höhlenbewohner in Vorwegnahme der Zukunft die deutschsprachigen Schaufenstermalerinnen und die deutschsprachigen Schaufenstermaler schon zu ihrer in kürzester Bälde zu erwartenden Einsicht in die Gesetze der Logik beglückwünscht, indem sie sie in der fliegenden Form von in den Garten der deutschsprachigen Vertretung geworfenen Buchenblättern, Eichenblättern und Kastanienblättern, die ja wohl in der deutschsprachigen Unlogik als Lorbeerblätter zu verstehen seien, bereits mit Vorschusslorbeeren überhäuft hätten. 

Zur grossen Erleichterung der Leiterin oder des Leiters der Vertretung des Höhlenbewohnerlandes nimmt das deutschsprachige Sprachrohr die Glückwünsche schweigend entgegen, erhebt sich und verabschiedet den Urmenschen. Nicht weniger erleichtert fühlt sich die Königin oder der König der deutschsprachigen Sprachlandschaft.  Sie oder er lässt im Hinblick auf den bevorstehenden Jahreswechsel durch ihre oder seine Kanzlei an alle deutschsprachigen Schaufenstermalerinnen und deutschsprachigen Schaufenstermaler Neujahrgrüsse versenden, geschmückt weder mit rosaroten Schweinchen noch mit schwarzen Kaminfegerinnen oder schwarzen Kaminfegern, sondern mit grossen Uglis, Champignons und Schnittlauch. 

Nach ein paar Tagen wird die Küchenperson von der Wahnsinnsklinik in ein Erholungsheim am Ufer des Rheins verlegt, die sie nach einer Grundwasserkur von weiteren zehn Tagen wieder gesund, geheilt und vom Schnittlauchschreck erholt verlassen kann. Als sie, noch vor dem Jahreswechsel, auf dem Schaufenster einer Obst- und Gemüsehandlung gemalten grün leuchtenden Schnittlauch erblickt, fühlt sie sich richtiggehend wohl und heimisch in der deutschsprachigen Sprachlandschaft. 

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17. Juni 2019 / RT

 

Folgerichtige Durchführung der Lautschrift ?

Wie gesehen, kennen die Menschen zwei Möglichkeiten, ein gesprochenes Wort schriftlich wiederzugeben und festzuhalten. Die eine Möglichkeit besteht darin, das Ding, das mit dem mündlich ausgesprochen Wort bezeichnet wird, zu zeichnen, wie die Chinesinnen und die Chinesen es tun, also eine Zeichnungsschrift oder eine Zeichnungssprache zu verwenden und einen Hut zu zeichnen.  Die andere Möglichkeit besteht darin, schriftlich die einzelnen Laute des Wortes wiederzugeben, mit dem wir das Ding benannt haben, also die Laute aufzuschreiben und eine Lautschrift oder eine Lautsprache zu verwenden.[1] 

Diese Lautschrift ist ein geniales System. Wird die Lautschrift konsequent durchgeführt und für jeden gesprochenen Laut ein eigenes Zeichen, ein Buchstabe, gesetzt,  –  und da in der deutschen Sprache ungefähr mit 42 Lauten gesprochen wird, genügen dafür ungefähr 42 Buchstaben,  –  hört man beim Lesen buchstäblich, was mit der Schrift gesagt wird.  Die Leserin oder der Leser kann das schriftlich Festgehaltene sogar dann mündlich wiedergeben, wenn sie oder er selber die gegebene Sprache nicht versteht,  –  wohingegen eine der gegebenen Sprache mächtige Person diese Leserin oder diesen Leser wieder verstehen kann.  Die Lautschrift muss aber konsequent durchgeführt werden.  Das ist mit der Schrift, mit der heute deutsch Gesprochenes geschrieben wird, nicht konsequent durchgeführt.  Die Lautschrift ist heute im Deutschen nicht folgerichtig, sondern nur halbherzig und inkonsequent durchgeführt.  Eine folgerichtige Durchführung der Lautschrift kann darum für fremdsprachige Leute, die Deutsch lernen wollen, und für deutschsprachige Kinder, die deutsch lesen und schreiben lernen, vieles vereinfachen und den Deutschunterricht zu einem Kinderspiel werden lassen. 

 

Kein Hut tönt gleich wie der andere

Nun fliegen aber die Wörter nicht wie die Wolken durch die Luft, von irgendwoher nach irgendwohin, sie entflattern auch nicht etwa den in grossen Auflagen zu tausenden Malen genau gleich gedruckten Wörterbüchern oder Bänden von Nachschlagewerken, sondern werden jedes einzeln mit Luft aus den Lungen in den Sprachwerkzeugen der Menschen hergestellt. Keine Kehle, kein Mundraum, kein Zähnegehege und keine Lippenrundung eines Menschen sind genau gleich beschaffen und keine Stimmbänder stimmen wie die eines anderen.  Das gleiche Wort von zwei Menschen, selbst in reinstem Theaterbühnendeutsch gesprochen, tönt also nie genau gleich, weshalb die Zuschauerin oder der Zuschauer mit geschlossenen Augen im Theater oder am Radiogerät die Zuhörerin oder der Zuhörer mit offenen Augen genau unterscheiden kann, ob jetzt gerade Therese Giehse oder Inge Meysel, Gustav Knuth oder Oskar Werner spricht.  Es ist wie mit den Autos.  Kennerinnen und Kenner hören am Motorenlärm, ob ein Alfa Romeo oder ein Toyota vorbeifährt.  Noch verschiedener werden gleiche Wörter aufgrund der mundartlichen Färbungen in den verschiedenen Himmelsrichtungen des gleichen Sprachraumes ausgesprochen. 

Wer ein Wort oder einen ganzen Brief von einer Himmelsrichtung in eine andere schreibt, will, dass das Wort oder der ganze Brief auch in der anderen Himmelsrichtung mühelos verstanden wird, und wenn sie oder er einen Bericht für eine Zeitung schreibt, will sie oder er, dass dieser Zeitungsbericht sogar in allen vier Himmelsrichtungen des Sprachraumes gleich tönt und gleich gut verstanden wird. Die Briefschreiberin oder der Briefschreiber schreibt darum das Wort und den ganzen Brief nicht in den Lauten, die sie oder er persönlich von sich geben würde, wenn sie oder er spräche, sondern in den Lauten, die ein Mensch von sich gibt, der die deutsche Sprache ohne mundartliche Färbung oder wenigstens mit möglichst geringer mundartlicher Färbung spricht, so dass der Brief, wenn ihn die Empfängerin oder der Empfänger laut vorliest, in mundartfreiem Standarddeutsch ertönt.  Obwohl die Briefschreiberin oder der Briefschreiber die Lautschrift verwendet, zeigt sich hierin, dass es ihr oder ihm nicht darum geht, der Empfängerin oder dem Empfänger anzugeben, wie sie oder er persönlich etwa das Wort „Hut“ ausspricht, sondern der Empfängerschaft zum Beispiel vom Umstand Kenntnis zu geben, dass sie oder er einen Hut gekauft hat;  und um dass zu erreichen, spielt es gar keine Rolle, wie sie oder er das Wort „Hut“ ausspricht.  Bei der Lautschrift geht es nicht um den Laut, sondern um das Ding.  Der Laut ist nur ein Mittel, um das Ding zu transportieren. 

Wir sehen hier eine Gemeinsamkeit mit der Zeichensprache oder der Zeichenschrift der Chinesinnen und der Chinesen. Wenn die chinesische Briefschreiberin oder der chinesische Briefschreiber der Empfängerschaft vom Umstand Kenntnis gibt, dass sie oder er einen Hut gekauft hat, zeichnet sie zwar einen Hut, aber sie oder er zeichnet nicht genau den Hut, den sie oder er gekauft hat, sondern sie oder er macht eine solch allgemeine Zeichnung von einem Hut, dass sie oder er die genaue gleiche Zeichnung auch in einem Jahr oder in zehn Jahren wieder verwenden kann, wenn sie oder er einen ganz anderen Hut gekauft hat.  Aus dieser allgemeinen Zeichnung, die auch alle anderen Chinesinnen und Chinesen in genau gleicher Weise verwenden, ist gerade noch ersichtlich, dass es sich um einen Hut handelt.  Es geht daraus nicht einmal hervor, aus welchem Material er ist, ob es sich um einen Damenhut oder um einen Herrenhut handelt, geschweige denn, ob er grau ist oder schwarz, dreieckig, viereckig oder rund.  Etwas überspitzt könnte man sagen, dass bloss die Idee eines Hutes gezeichnet wird.  Auch bei der Zeichenschrift geht es nicht um die Zeichnung, sondern um das Ding.  Die Zeichnung ist nur ein Mittel, um das Ding zu transportieren.  Wenn die chinesische Briefschreiberin oder der chinesische Briefschreiber der Empfängerschaft die Einzelheiten des Hutes unbedingt genau beschreiben will, steht ihr oder ihm dafür die ganze übrige Brieffläche zur Verfügung.  So wie die chinesischen Wörter in der chinesischen Zeichenschrift in einer idealen Zeichnung gezeichnet werden, werden die deutschen Wörter in der Lautschrift in einer idealen Lautung wiedergegeben. 

Wer das, was er deutsch schreiben will, zum einen in der idealen Lautung und zum andern in der Lautschrift schreibt, wird überall verstanden. Es liegt daher nahe, dies zu tun. 

Wo für eine Person das Meer noch blau ist, ist es für eine andere Person grün; eine dritte Person mag zwischen der Farbe blau und der Farbe grün noch eine dritte Farbe erkennen.  In gleicher Weise mögen sich diese drei Personen auch darüber unterhalten, wo ein Laut der deutschen Sprache endet und wo der nächste Laut beginnt oder ob dazwischen noch ein dritter Laut zu hören sei.  Wegen dieser Unsicherheit ist es nicht möglich, eindeutig anzugeben, ob die ideale Lautung der deutschen Sprache nun aus 41 oder 42 oder 43 Lauten besteht.  Nur schon aus diesem Grunde kann nicht eindeutig gesagt werden, welches die folgerichtige Durchführung der deutschen Lautschrift wäre, und wurde der vorletzte Zwischentitel mit einem Fragezeichen versehen. 

 

Alles fliesst

So wie alles auf dieser Erde sich andauernd ändert und nichts gleich bleibt, so wandelt sich auch die Sprache fortwährend und wird kein Wort für immer gleich ausgesprochen. Dabei hat jede Änderung ihre eigene Geschwindigkeit.  Wechselt etwa die Mode von Jahr zu Jahr und augenfällig, so ändert sich die Sprache etwa mit der Geschwindigkeit, mit der ein Gletscher sich zu Tal bewegt, so dass wir den Sprachwandel nur bei aufmerksamem Hinhören und erst nach längerer Zeit bemerken. 

Für Sprecherinnen und Sprecher sind gesprochene Worte wie Schall und Rauch und nichts hindert sie, einmal gesprochene Worte zu vergessen und der Sprachmode folgend in späteren Zeiten anders zu sprechen als in früheren. Sprecherinnen und Sprecher vergessen nicht nur, wie sie früher gesprochen haben, sondern auch, was sie früher gesprochen haben.  Sogar an früher abgegebene Versprechen mögen sie sich gelegentlich nicht mehr zu erinnern. 

Um diesem Vergessen entgegenzuwirken, sind die Menschen dazu übergegangen, mündlich Versprochenes für kommende Zeiten schriftlich festzuhalten. Hier zeigt sich nun, dass geschriebene Worte ganz und gar nicht Schall und Rauch sind;  schon gar nicht, wenn sie in Stein gemeisselt sind.  In Stein gemeisselte Worte halten annähernd immer und ewig.  Wenn nach Jahrhunderten der Stein mit seiner Inschrift zu verwittern droht, meisselt eine spätere Generation von Schrift- und Meisselkundigen die alte Inschrift in einen neuen Stein.  Erinnerungsvermögen braucht sie dazu nicht, da sie die alte Inschrift Schriftzeichen für Schriftzeichen in den neuen Stein abmeisseln oder auf eine andere Schriftfläche abschreiben kann.  Durch dieses Vorgehen wird einmal Geschriebenes immer genau gleich geschrieben. 

Werden gesprochene Worte durch den Sprachwandel allmählich in späteren Zeiten anders ausgesprochen als in früheren, bleiben im Gegensatz dazu einmal in Stein gemeisselte oder anderweitig schriftlich festgehaltene Worte für alle Zeiten gleich. So kommt es im Laufe der Zeit zu Unterschieden zwischen der geschriebenen Sprache einerseits und der gesprochenen Sprache anderseits.  Die gesprochene Sprache entwickelt sich unter der schreibenden Hand von der geschriebenen Sprache weg und entflieht in andere Lautungen.  Von den jeweiligen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen werden die dabei entstehenden Unterschiede indes kaum wahrgenommen.  Die Unterschiede sind aber eine Tatsache und gipfeln schliesslich im erstaunlichen Umstand, dass es heute etwa im Dudenverlag einen Band „Rechtschreibung der deutschen Sprache“ und einen anderen Band „Das Aussprachewörterbuch“ gibt.  Staunen über diesen Umstand würden sicher die Leute aus dem Morgenland, die vor über 3’000 Jahren das Alphabet erfunden haben, in dem im Grundsatz jeder Buchstabe für einen Laut stand.  Sie würden heute wohl befinden, dass wir den Sinn und den Grundsatz ihres Alphabetes nicht mehr verstehen und uns raten, jeden gesprochen Laut wieder mit einem ihm entsprechenden Buchstaben wiederzugeben,  –  so wie sie sich das damals ausgedacht haben. 

 

Die Lautschrift

Wer weiss, wie die deutsch schreibenden Leute ein Wort schreiben, weiss noch lange nicht, wie die deutschsprachigen Leute dieses Wort aussprechen. Der Band „Rechtschreibung der deutschen Sprache“ beschreibt nur, wie ein Wort geschrieben wird, er besagt nicht, wie es ausgesprochen wird. 

Wer wissen will, wie ein deutsch geschriebenes Wort deutsch ausgesprochen wird, muss in den Band „Das Aussprachewörterbuch“ schauen. Im Band „Das Aussprachewörterbuch“ finden sich hinter jedem Wort Zeichen, die besagen, mit welchen Lauten dieses Wort gesprochen wird.  Die Gesamtheit dieser Zeichen ist die Lautschrift, die die International Phonetic Association (IPA) entwickelt hat.  Diese über hundert Zeichen der internationalen Lautschrift stehen für sämtliche Sprachlaute, die von den Menschen auf dieser Erde mit ihren Sprachwerkzeugen zur gegenseitigen Verständigung erzeugt werden.  Nicht alle dieser über hundert Sprachlaute kommen in der deutschen Sprache vor.  Zu ihrer Erzeugung kommt die deutsche Sprache mit 43 dieser Sprachlaute aus.  Die übrigen Sprachlaute kommen in der deutschen Sprache nicht vor und werden von den deutschsprachigen Menschen nicht gebraucht.  Etwa so wie Menschen, die keine Nüsse essen, keinen Nussknacker brauchen, sondern mit Messer, Gabel und Löffel auskommen.  Um zu besagen, wie die deutsche Sprache ausgesprochen wird, genügen also im Alltag 43 Zeichen der internationalen Lautschrift.  Wer als Fachfrau oder als Fachmann, etwa auf der Theaterbühne, äusserst aufmerksam zuhört, kann mehr als 43 Laute ausmachen und gibt diese entsprechend mit mehr als 43 Zeichen wieder. 

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16. Juli 2019 / RT

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[1]           Wer genauer wissen will, aus welchen Anfängen und auf welchen Wegen sich die Schrift entwickelt hat, liest :  Haarmann, Harald, Geschichte der Schrift, München 2011

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Der falsche Werkzeugkasten

Ganz zwangslos und von alleine stellt sich nun die Frage in den Raum, warum die Menschen, die deutsch schreiben, dies nicht gerade mit den 43 dazu genügenden und wie angegossen geeigneten Zeichen der internationalen Lautschrift tun, sondern es mühsam mit den ungenügenden und ungeeigneten 29 Buchstaben der deutschen Sprache tun. Keiner Uhrmacherin oder keinem Uhrmacher würde es einfallen, mit einem Werkzeug aus dem Werkzeugkasten einer Elektrikerin oder eines Elektrikers oder einer Holzfällerin oder eines Holzfällers ein zum Stillstand gekommenes goldenes Ührchen wieder zum Ticken bringen zu wollen.  Genau das tun aber die deutsch schreibenden Menschen, wenn sie mit ihren ungenügenden 29 Buchstaben ihre 43 Laute der deutschen Sprache niederschreiben :  sie greifen gewohnheitsmässig in den falschen Werkzeugkasten  –  und kommen von dieser Untugend nicht mehr los, so wie Leute weiterhin den Rauch verbrannter Tabakblätter in ihre Lungen einziehen und von dieser Untugend nicht loskommen, obwohl sie um die Sinnlosigkeit ihres Tuns wissen;  oder weiterhin gedankenlos und stur von „Sonnenaufgang“ und von „Sonnenuntergang“ reden, obwohl ihnen spätestens seit Nikolaus Kopernikus bekannt ist, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, also nicht auf- und untergeht, sondern dass die Erde in einem Jahr um die Sonne kreist und sich dabei 365 Mal um ihre eigene Erdachse dreht, so dass der Standpunkt eines Menschen sich 365 Mal der Sonne zuneigt,  –  was der Mensch „Morgen“ oder irrtümlich, aber gewohnheitsmässig „Sonnenaufgang“ nennt,  –  und sich nach geraumer Zeit,  –  nach einem sogenannten „Tag“,  –  von der Sonne wegneigt,  –  was der Mensch „Abend“ oder irrtümlich, aber gewohnheitsmässig „Sonnenuntergang“ nennt. 

 

Die sanfte Macht der Gewohnheit

Eine Gewohnheit entsteht nicht über Nacht und eine Untugend entsteht nicht selten aus einer Tugend. Heute wird das Wort „Vieh“ mit vier Buchstaben geschrieben, aber mit zwei Lauten ausgesprochen :  mit einem Figaro-f und einem langen „i“ wie das erste „i“ in „Ibis“.  In der internationalen Lautschrift wird das in eckigen Klammern mit [fi:] wiedergegeben und hörbar gemacht.  Der Doppelpunkt hinter dem „i“ zeigt an, dass das „i“ als langes „i,“ also als Ibis-i, ausgesprochen wird.  Vier Buchstaben für zwei Laute erscheinen nicht als wirkungsvolle Buchstabenverwendung.  Wenn jedem Laut ein Buchstabe entsprechen würde, wie es sich die Leute, die das Alphabet erfunden haben, im Grundsatz vorgestellt haben, dann kämen wir mit zwei Buchstaben aus, mit einem „f“ und einem langen „i“. 

Nun ist aber die heutige Schreibung „Vieh“ nicht als reine Willkür vom Himmel gefallen, sondern hatte einstmals ihren Sinn und ihre Begründung. Im Mittelhochdeutschen, das etwa von 1050 bis 1350[1] gesprochen wurde, lautete das Wort mit drei Lauten noch „vich“, in dem nach dem Ibis-i noch ein Reiblaut wie heute in „ich“ hörbar ausgesprochen wurde, und entsprechend nennt das Etymologische Wörterbuch[2], in dem die Geschichte der Wörter bis zu deren Anfängen verfolgt wird, „Viech“ als alte Nebenform.  Ganz dem Sinn des lautspiegelnden Alphabetes entsprechend wurde der gesprochene Reibelaut damals als „h“[3] geschrieben.  Der Reibelaut ist in der Zwischenzeit verkümmert, verklungen und wird heute nicht mehr ausgesprochen.  Das „h“ aber ist geblieben.  Das „h“ mag heute als Längezeichen verstanden werden, das zum Ausdruck bringt, dass das „i“ in „Vieh“ als langes „i“ ausgesprochen wird, obwohl das „e“ das ja bereits zur Genüge tut.  In gleicher Weise war im Wort „sehen“[4] das heute nicht mehr ausgesprochene „h“ einstmals als Reibelaut zu hören, so wie man diesen heute noch im Wort „Sicht“ vernimmt.  Es zeigt sich somit, dass das „h“ nicht immer überflüssig war, sondern erst im Laufe der Zeit überflüssig geworden ist.  Aus einer Tugend ist eine Untugend geworden.  Und niemand bringt es übers Herz, das „h“ entgegen der Gewohnheit einfach wegzulassen. 

 

Der Wissensterror

So wie das „h“ in „Vieh“ an die Geschichte dieses Wortes erinnert, so tun es die meisten Buchstaben in den deutschen Wörtern, die zwar nicht ausgesprochen werden, gleichwohl aber nicht ganz sinnlos sind, weil sie als Überbleibsel etwas aus der Vergangenheit dieser Wörter zu berichten wissen. So interessant und wissenswert dieses Wissen für interessierte und wissbegierige Menschen auch sein mag, so wird es doch durch die unausgesetzte Allgegenwärtigkeit dieser Überbleibsel in allen denkbaren und undenkbaren deutschsprachigen Schriftstücken, vom Einkaufszettel und von Tageszeitungen über heilige Bücher aller Art bis zur deutschen Übersetzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948, allen Leserinnen und Lesern gegen deren Willen aufgedrängt, also auch denen, die das gar nicht wissen wollen;  genau so, wie es für das Verständnis dieses Satzes ganz ohne Belang ist, von wann die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte datiert. 

Wer als fremdsprachige Person die deutsche Sprache lernen will, möchte bald einmal im Stande sein, das Wichtigste in einer deutschsprachigen Tageszeitung zu verstehen, im Restaurant ein Mineralwasser zu bestellen, problemlos bei einer deutschsprachigen Vermieterin oder einem deutschsprachigen Vermieter eine Wohnung zu mieten und sich mit deutschsprachigen Menschen über Göttinnen und Götter und die Welt zu unterhalten. All diesen lernbegierigen Menschen wird aber der Zugang zur deutschen Sprache in ihrer schriftlichen Form in jedem Wort auf Schritt und Tritt durch diese allgegenwärtigen Ruinen aus alter Zeit verstellt und unnötig erschwert.  Wer unbedingt die Geschichte eines Wortes kennen will,   –  den allerwenigsten Menschen ist das aber das erste Anliegen,  –  wird dies wie bisher tun, ob er nun im etymologischen Wörterbuch unter „Vieh“ oder unter „fi:“ nachschaut, hier und dort wird er wortwörtlich die genau gleiche Wortgeschichte finden.  Das Erlernen der deutschen Sprache wird allen fremdsprachigen Menschen um vieles erleichtert, wenn die deutsch geschriebene Sprache um die Überbleibsel aus alter Zeit erleichtert wird und so befreit und einfach geschrieben wie gesprochen wird. 

Auch ein Kind, das bereits deutsch spricht, und nun in der Schule das Schreiben lernt, hat es um vieles leichter, wenn es für jeden Laut, den es spricht, nur einen einzigen Buchstaben kennen und hinschreiben muss, damit es das von ihm gesprochene Wort schriftlich zu Papier oder auf den Bildschirm bringen kann; –  und wenn es nicht wie bisher gezwungen wird, zwischen diese Buchstaben noch geschichtliche Überbleibsel, von denen es noch nie etwas gehört hat, einzustreuen.  Umgekehrt hat das Kind, das bereits deutsch spricht, und nun das Lesen lernt, es auch um vieles leichter, wenn es nur wissen muss, wie jeder der 43 Buchstaben so und nie anders ausgesprochen wird.  Sobald es das weiss, kann es fliessend lesen;  es braucht sich nicht mehr um liegen gebliebene Überbleibsel aus alter Zeit zu kümmern, von denen es ohnehin nur wissen muss, dass sie doch nicht ausgesprochen werden. 

Heute wird das Wissen, dass das „h“ in „Vieh“ einmal als „ch“ ausgesprochen wurde, allen Leuten, die deutsch lesen und schreiben, aufgezwungen, so wie die Eltern, die mit ihren Kindern in den Bergen Urlaub machen, ihre Kinder dazu zwingen, sich die Namen der umstehenden Berge zu merken, obwohl das den Erholungswert des Urlaubes in keiner Weise fördert. Es wird hier eine falsch verstandene, das vernünftige Mass überschreitende Allgemeinbildung zum Wissensterror. 

Das Automobil ist nicht vom Himmel gefallen. Das Automobil hat sich aus der Kutsche entwickelt.  Die Kutsche wurde durch ein davor gespanntes Pferd gezogen.  Wegen des grossen Durchmessers der Räder schwebte die Kutsche hoch über dem Erdboden und wurde mit Hilfe eines Trittbrettes erreicht.  Dann wurde der Motor erfunden und in die Kutsche eingebaut.  Die Kutsche wurde nicht mehr vom Pferd gezogen, sondern vom eingebauten Motor betrieben, bewegte sich also wie von selbst, war ein Automobil, sah aber immer noch aus wie eine Kutsche und hatte ihr Trittbrett.  Der Motor wurde mit der Zeit stärker und die Durchmesser der Kutschenräder kleiner, sodass die Kutsche nicht mehr hoch über dem Erdboden schwebte, sondern herunter kam und leicht zu betreten war.  Die Kutsche hatte aber immer noch ihr Trittbrett, so dass der Fahrgast beim Betreten der Kutsche, die mit der Zeit zum Fahrgastraum oder zum Auto geworden war, über das Trittbrett steigen musste.  So fuhr das Trittbrett, obwohl durch die Weiterentwicklung des Automobils mit der Zeit überflüssig geworden,  –  in Sportwagen musste die Fahrerin oder der Fahrer ja bald einmal hinuntersteigen,  –  noch eine gute Weile gewissermassen trittbrettfahrend mit, bis sich eines Tages die Autoentwicklerinnen und die Autoentwickler der Überflüssigkeit des Trittbrettes bewusst und seiner überdrüssig wurden und es wegliessen.  So wie das Trittbrett weggelassen werden konnte, kann heute auch das „h“ in „Vieh“, das einmal als „ch“ ausgesprochen wurde, als überflüssig gewordenes Überbleibsel aus der Vergangenheit ohne Schaden weggelassen werden. 

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15. August 2019 / RT

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 [1]           Ernst, Peter, Deutsche Sprachgeschichte, Stuttgart 2012, Seite 100.

[2]           Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 2002.

[3]           Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm auf CD-ROM und im Internet, Band 26, Spalte 50;  zuletzt besucht am 19. Mai 2015.

[4]           Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm auf CD-ROM und im Internet, Band 16, Spalte 129;  zuletzt besucht am 19. Mai 2015.

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Umtriebe im Geiste

Nicht nur fremdsprachige Personen, die Deutsch lernen, und nicht nur deutschsprachige Kinder, die Lesen und Schreiben lernen, sondern jede deutschsprachige Person, die den Buchstaben „c“ sieht, muss vor ihrem geistigen Auge die Liste der Möglichkeiten, wie dieses geschriebene „c“ ausgesprochen werden kann, durchgehen. Der Leservorgang spielt sich dann so ab :

–         Das geschriebene „c“ wird ausgesprochen als Knallkörper-k, wenn es vor einem dunklen Selbstlaut steht, wie in „Cabriolet“, „Cadmium“, „Café“, „Castro Fidel“, „Cognac“, „Cousin“; „Chicoree“ beim zweiten Auftritt und so weiter. Wird also dem geistigen Auge der Leserin oder des Lesers ein „c“ gemeldet, muss es das wirkliche Auge beauftragen, einen Blick vorwärts, also nach rechts auf den nächsten Buchstaben zu werfen. Stellt das wirkliche Auge dort einen dunklen Selbstlaut fest, meldet es das dem geistigen Auge, welches das an die Sprachgeneratoren im Gehirn weiterleitet. Diese veranlassen nun die Sprachwerkzeuge, ein Knallkörper-k knallen zu lassen. Stellt das wirkliche Auge keinen dunklen Selbstlaut fest, ist nichts mit Knallkörper-k.

–         Das geschriebene „c“ wird ausgesprochen als Citronen-ts, also als T-Detonation und Slalom-s, wenn es vor einem hellen Selbstlaut steht, wie in „Caesar“, „Cäcilia“, „Celsius“, „Citrone“; „circa“ und „Circus“ beim ersten Auftritt und so weiter. Wird also dem geistigen Auge der Leserin oder des Lesers ein „c“ gemeldet, muss es das wirkliche Auge beauftragen, einen Blick vorwärts, also nach rechts auf den nächsten Buchstaben zu werfen. Stellt das wirkliche Auge dort einen hellen Selbstlaut fest, meldet es das dem geistigen Auge, welches das an die Sprachgeneratoren im Gehirn weiterleitet. Diese veranlassen nun die Sprachwerkzeuge, ein Citronen-ts zischen zu lassen. Stellt das wirkliche Auge keinen hellen Selbstlaut fest, ist nichts mit Citronen-ts.

–         Das geschriebene „c“ wird nicht ausgesprochen, also so, wie wenn es nicht da wäre, wenn es vor einem Knallkörper-k steht, wie in „Backstube“, „Wackelkontakt“ und „Bockbier“. Wird also dem geistigen Auge der Leserin oder des Lesers ein „c“ gemeldet, muss es das wirkliche Auge beauftragen, einen Blick vorwärts, also nach rechts auf den nächsten Buchstaben zu werfen. Stellt das wirkliche Auge dort ein Knallkörper-k fest, meldet es das dem geistigen Auge, welches das an die Sprachgeneratoren im Gehirn weiterleitet. Diese veranlassen nun die Sprachwerkzeuge, das geschriebene „c“ nicht auszusprechen, sondern alsogleich das bereits mit dem wirklichen Auge erfasste Knallkörper-k knallen zu lassen. Stellt das wirkliche Auge kein Knallkörper-k fest, ist nichts mit nichts.

–         Das geschriebene „c“ wird, wenn es zusammen mit einem ihm zugepaarten „h“ am Anfang vieler bekannter Wörter steht, als Schwalben-sch ausgesprochen, also so, wie es rauscht, wenn eine Schwalbe vorbeifliegt, wie in „Champignon“, „Champagner“ und „Chicorée“. Wird also dem geistigen Auge der Leserin oder des Lesers ein „c“ gemeldet, muss es zunächst das wirkliche Auge beauftragen, einen Blick vorwärts, also nach rechts auf den nächsten Buchstaben zu werfen. Stellt das wirkliche Auge dort kein zugepaartes „h“ fest, ist nichts mit Schwalben-sch.

Stellt das wirkliche Auge dort hingegen ein „h“ fest, meldet es das dem geistigen Auge. Das geistige Auge merkt sich das und beauftragt das wirkliche Auge, einen Blick auf das ganze Wort zu werfen. Stellt das wirkliche Auge ein bekanntes Wort fest, meldet es das dem geistigen Auge, welches das an die Sprachgeneratoren im Gehirn weiterleitet. Diese veranlassen nun die Sprachwerkzeuge, das geschriebene „c“ zusammen mit dem ihm zugepaarten „h“ als Schwalben-sch auszusprechen. Stellt das wirkliche Auge kein bekanntes Wort oder ein weniger bekanntes Wort fest oder ein Wort, in dem auf das „h“ ein Mitlaut folgt, etwa ein „l“ wie in „Chloroform“, ein „m“ oder ein „n“, ein „r“ wie in „Christkindl“ oder „Chrysantheme“, ein „th“ wie in „chthonisch“ oder ein „v“ oder ein „w“, dann meldet es das dem geistigen Auge, welches diese Meldung an die Gehirnzentrale weiterleitet, die durch die Leserin oder den Leser ein Gutachten über die Aussprache dieses Wortes erstellen lässt, indem sie diese oder diesen zu diesem Zwecke zum Aussprachewörterbuch greifen und dort die richtige Aussprache finden lässt. Stehen das „c“ und das ihm zugepaarte „h“ nicht am Anfang des Wortes, ist nichts mit Schwalben-sch und nichts mit Gutachten.

–         Das geschriebene „c“ wird, wenn es zusammen mit einem ihm zugepaarten „h“ im Inneren eines Wortes nach einem dunklen Selbstlaut steht, als rauer Reibelaut, als Ach-Laut, wie in „Ach“, „Bach“, „Lochkartensystem“ und „Buchstabe“ ausgesprochen. Wird dem geistigen Auge der Leserin oder des Lesers ein „c“ gemeldet, beauftragt es das wirkliche Auge, einen Blick rückwärts, also nach links auf den vorangegangenen Buchstaben zu werfen. Stellt das wirkliche Auge dort einen dunklen Selbstlaut fest, meldet es das dem geistigen Auge, welches das an die Sprachgeneratoren im Gehirn weiterleitet. Diese veranlassen nun die Sprachwerkzeuge, einen rauen Reibelaut krachen zu lassen. Stellt das wirkliche Auge keinen dunklen Selbstlaut fest, ist nichts mit Krachen.

–         Das geschriebene „c“ wird, wenn es zusammen mit einem ihm zugepaarten „h“ im Inneren eines Wortes nach einem hellen Selbstlaut steht, als weicher Reibelaut, als Ich-Laut, wie in „Ich“, „Kichererbse“, „lieblich“ und „fürchterlich“ ausgesprochen. Wird dem geistigen Auge der Leserin oder des Lesers ein „c“ gemeldet, beauftragt es das wirkliche Auge, einen Blick rückwärts, also nach links auf den vorangegangenen Buchstaben zu werfen. Stellt das wirkliche Auge dort einen hellen Selbstlaut fest, meldet es das dem geistigen Auge, welches das an die Sprachgeneratoren im Gehirn weiterleitet. Diese veranlassen nun die Sprachwerkzeuge, einen weichen Reibelaut hecheln zu lassen. Stellt das wirkliche Auge keinen hellen Selbstlaut fest, ist nichts mit Hecheln.

 

Unverständlicher Hang zu aufwändigen Umständlichkeiten

Auf diese Weise werden weite geistige Arbeitsgänge zurückgelegt und Gehirnzellen in grosser Zahl in Betrieb gesetzt, nur um herauszufinden, wie ein geschriebenes „c“ allein oder in einer Verbindung auszusprechen ist. Dabei wäre es einfach, statt des „c“ direkt das Ergebnis dieser aufwändigen, vor dem geistigen Auge geführten Abklärungen hinzuschreiben, nämlich das entsprechende Zeichen der Internationalen Lautschrift entweder

–         für ein Knallkörper-k oder

–         für ein Citronen-ts oder

–         für nichts kein entsprechende Zeichen oder

–         für ein Schwalben-sch oder

–         für einen Ach-Laut oder

–         für einen Ich-Laut.

An allen Arbeitsplätzen dieser Welt, in jeder Schreinerei, in jeder Automobilfabrik, in jedem Krankenhaus, auf jedem Flughafen, in jedem Theater werden mit grösstem und immer wieder kehrendem Aufwand alle Arbeitsabläufe vereinfacht und so gestaltet, dass keine Doppelspurigkeiten und Umständlichkeiten aller Art entstehen, vielmehr eines sich aus dem anderen ergibt, jede Arbeitskraft genau dort steht, wo sie ihre Fähigkeiten wirkungsvoll einsetzt, und das Endprodukt zum richtigen Zeitpunkt genau dort erscheint, wo es erwartet wird. Auf diese Weise wird keine Arbeitsenergie unnötigerweise und sinnlos eingesetzt und verschliessen.

Ganz anders gehen deutschsprachige Menschen vor, wenn sie etwas Gesprochenes in deutscher Sprache niederschreiben. Was sie schön laut und deutlich Laut für Laut gesprochen haben, schreiben sie nicht Laut für Laut nieder, sondern schreiben Zeichen hin, die nicht einem Laut entsprechen, sondern diesen oder jenen Laut, einen dritten oder vierten sogar bedeuten können. Die deutschsprachigen Buchstaben entsprechen nicht jeder einem Laut der deutschen Sprache. Die deutschsprachigen Buchstaben sind also nicht entsprechend. Die deutschsprachigen Buchstaben sind aber nicht etwa nicht sprechend oder stumm, sondern vieldeutig sprechend, sie sprechen mit vielen Zungen. Sie sprechen also gar nicht so, wie es sich die Leute aus dem Morgenland vor über 3’000 Jahren vorgestellt haben. Diese Morgenlandleute würden heute wohl befinden, dass wir den Sinn und den Grundsatz ihres Alphabetes nicht mehr verstehen, dass wir weit vom Pfad ihres lautschriftlichen Alphabetes abgekommen sind, ihrerseits unseren unverständlichen Hang zu aufwändigen Umständlichkeiten und Umwegen nicht verstehen und uns raten, jeden gesprochen Laut wieder mit einem ihn und nur ihn aussprechenden Buchstaben wiederzugeben, – so wie sie sich das damals ausgedacht haben.

 

Sinnloses Ermatten

Es ist bekannt, dass ein Mensch in seinem Kopf sehr viele Gehirnzellen hat, mit deren Hilfe er vor seinem geistigen Auge das Leben in dieser Welt gedanklich bewältigt. Bekannt ist aber auch, dass ein Mensch nur sehr wenige Gehirnzellen tatsächlich auch braucht, während die anderen, und das sind die meisten, ungebraucht in den Regalen des Gehirns lagern und schliesslich ihr Dasein mit dem Tod des Menschen beenden, ohne je zum Einsatz gekommen zu sein. Der Mensch ist so einer Bücherfreundin oder einem Bücherfreund vergleichbar, die oder der in einer Bibliothek sitzt, in der ihr oder ihm Tausende, Millionen, ja Milliarden in ihrer oder seiner Sprache geschriebener Bücher zu ihrer oder zu seiner Verfügung stehen, von denen sie oder er aber während ihres oder seines ganzen Lebens höchstens ein paar Dutzend Bücher zu lesen vermag, weil die Anweisungen, wie sie oder er ein weiteres Buch in der weitläufigen Bibliothek finden kann, derart umständlich abgefasst sind, – etwa so rätselhaft wie es die Anweisungen sind, anhand denen Touristinnen und Touristen in einer fremden Stadt von einem Automaten eine Fahrkarte für den öffentlichen Verkehr zu erlangen versuchen, – dass sie oder er bereits wieder erschöpft, ermattet und erledigt ist, bevor sie oder er das neue Buch gefunden hat.

Wenn man denkt, wieviele Gedankengänge eine Leserin oder ein Leser nur schon beim Anblick des Buchstabens „c“ in einem deutschsprachigen Text hin und her zurücklegen muss, um herauszufinden, auf welche der sechs Möglichkeiten dieses „c“ auszusprechen ist, – und mit vielen anderen Buchstaben ist es nicht anders, – dann vermag man zu erfassen, welche Geisteskräfte hier sinnlos verschleudert werden. Geisteskräfte, die sinnvoll eingesetzt werden könnten, um die grossen Probleme dieser Welt zu lösen : die Ernährung der Milliarden unterernährter Menschen, die Lösung des Energieproblems mit seinem radioaktiven Abfall, die Beschäftigung der Arbeitslosen und weitere Probleme mehr. Für normal begabte Menschen ist die Ausdeutschung des Buchstabens „c“ in einem deutschsprachigen Text keine schwierige Aufgabe, erst recht nicht für eine Geistesgrösse, schon gar nicht für ein Genie. Wenn ein Genie nur lange genug nachdenkt, wird es ihm trotz vorher geleisteter Ausdeutschung des „c“ früher oder später gelingen, einen Weg zur Lösung eines dieser Probleme zu finden. Die Ausdeutschung des „c“ und der anderen Buchstaben muss aber auch vom Genie wie von allen anderen Menschen auch gewissermassen als Basisverschleiss seiner Geisteskräfte immer und immer wieder geleistet werden, und dafür braucht auch das Genie jedes Mal Zeit, Zeit die sich im Laufe der Zeit zu einer tödlichen Verspätung auswachsen kann. Und von dieser Zeit hängt es ab, ob das Genie für das Problem später, wenn es für die Welt zu spät ist, oder früher, also gerade noch rechtzeitig eine Lösung findet.

Es werden für Milliarden von Geldeinheiten über Tausende von Kilometern besondere Kabelkanäle für Verbindungsleitungen zwischen zwei Börsenplätzen gebaut mit dem einzigen Zweck, dass die Börsenkurse von der einen Börse um eine Hundertstelsekunde schneller als bisher bei den Börsenhändlerinnen und Börsenhändlern der anderen Börse eintreffen, weil sich diese davon einen geldmässigen Vorteil gegenüber anderen Börsenleuten erhoffen, die die neuesten Börsenkurse erst später erfahren. Wenn also so viel Geld für die Beschleunigung von Börsenkursen nur um einen geldmässigen Vorteil einiger weniger willen ausgegeben wird, dann müssen erst recht in deutschsprachigen Texten die vieldeutigen Zeichen durch solche Buchstaben ersetzt werden, die eindeutig einem einzigen Laut entsprechen, damit deutschsprachige Genies nicht unnötig ihre Geisteskraft mit der Ausdeutschung verlieren, sondern diese sofort für die rechtzeitige Lösung der Weltprobleme nicht nur einiger weniger, sondern der ganzen Menschheit einsetzen können. Der Wegfall des Ausdeutschungsaufwandes, der nicht nachvollziehbaren Verschwendung von Geisteskraft, durch den Einsatz des lautschriftlichen Alphabetes kommt nicht nur den Genies, sondern allen deutschsprachigen Personen und den fremdsprachigen Personen, die Deutsch lernen, zu gute und kostet im Gegensatz zum teuren Kabelkanal nicht sehr viel, ja nicht einmal viel, sondern nichts.

 

Ermattet vor dem Anpfiff

Eine körperlich und geistig bestens auf das Endspiel vorbereitete Fussballelf, die sich vor dem Anpfiff mit leichten Lockerungsübungen warm läuft, hat gute Aussichten, den Pokal zu gewinnen. Wenn diese elf vor dem Spiel aber noch schnell die Bäume eines Parkes fällen, diese zu Kleinholz zerhacken und dieses auf Streichhölzchengrösse zerstückeln, sind sie ermattet, erschöpft und erledigt, pfeifen schon vor dem Anpfiff aus dem letzten Loch, haben grosse Mühe, sich auf dem Fussballfeld zu bewegen, und gute Aussichten, das Endspiel zu verlieren. Einer solchen Fussballelf würden selbst deutschsprachige Fussballliebhaberinnen und deutschsprachige Fussballliebhaber ans Herz legen, auf die überflüssige und kräfteverschleissende Holzfällerei zu verzichten und sich ohne Umwege dem Wesentlichen zu widmen. Es ist darum anzunehmen, dass deutschsprachige Personen gegen eine Vereinfachung der heutigen umständlichen deutschen Rechtschreibung zu einer nachvollziehbaren Sprechschreibung nichts einzuwenden haben, ja, dass sie eine Sprechschreibung einer Rechtschreibung sogar vorziehen.

/Sprix-1-9/

14. September 2019 / RT

 

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für so etwas ?

Nein ! Der richtige Zeitpunkt ist jetzt nicht. Der richtige Zeitpunkt für so etwas kommt nie. Wenn wir also auf den richtigen Zeitpunkt warten wollen, tun wir es nie. Wenn wir es aber einmal tun wollen, dann können wir es gerade so gut jetzt tun. Also jetzt !

 

Warum nicht schon vor 30 Jahren ?

Hätte man vor 30 Jahren von der Rechtschreibung auf die Sprechschreibung umstellen wollen, hätte es dazu eines grossen Aufwandes bedurft, ähnlich dem Aufwand, der betrieben werden musste, als in einem Land wie Schweden vom Linksverkehr auf den Rechtsverkehr oder wie Grossbritannien die Währung von einem komplizierten System auf das Dezimalsystem umgestellt wurde. Allen Leuten, die in deutscher Sprache schreiben, und das ist früher oder später jede Frau und jeder Mann, hätte das neue Schreibsystem mit Einführungsmassnahmen erklärt werden müssen, damit sie fähig geworden wären, dieses von einem bestimmten Stichtag an bei der Niederschrift ihrer Gedanken ohne Probleme anzuwenden. Zu diesen Einführungsmassnahmen hätten etwa Schulungsveranstaltungen für das schreibende Volk, Übungslektionen für Alt und Jung, Plakate und Aushänge in allen Farben für die Öffentlichkeit und vieles Weitere mehr gehört. Das alles hätte sehr viel Geld gekostet. Über dies alles hätten sich die meisten Leute sehr geärgert.

 

Nicht der richtige Zeitpunkt, aber geeigneter als frühere Zeitpunkte

Nach den vergangenen dreissig Jahren ist der heutige Zeitpunkt für eine Umstellung, die eine sehr grosse Buchstabenmenge durcheinander bringt, immer noch nicht der richtige, aber doch sehr viel geeigneter. Vor dreissig Jahren schrieben die Menschen einander noch nicht über das Internet e-Meldungen und sandten sich gegenseitig noch nicht über das Telephonnetz SMS zu. e-Meldungen und SMS und weitere elektronische Gedankenaustauschsysteme sind aber Kommunikationsmittel, die zwischen der mündlichen Unterhaltung auf der einen Seite und dem schriftlichen Briefwechsel auf der andern Seite hin und her wabbern. Sie sind weniger als mündlich, aber auch nicht so ganz schriftlich. Sie sind aber sehr geeignet, die neue, vernünftige Schreibung während einer Probezeit von etwas mehr als zehn Jahren bis zum 1. Januar 2030 auszuprobieren, zu testen, zu verbessern und zu üben. Der jetzige Zeitpunkt ist geboren für diesen Praxistest. Die Teilnahme am Praxistest ist freiwillig für alle, niemand ist gezwungen, teilzunehmen. Jede Person darf teilnehmen, sofort, erst in fünf Jahren oder nie. Wer teilnimmt, darf auch wieder aussteigen, sofort, nach fünf Jahren oder nie.

 

Die kritische Masse

Mit e-Meldungen und SMS und den weiteren elektronischen Systemen, die nun von einer kritischen Masse Menschen für die Gedankenübermittlung eingesetzt werden, sind nun Übungsgelände oder Exerzierfelder vorhanden, wie sie besser nicht sein könnten, um darauf die neue Schreibweise während etwas mehr als zehn Jahren versuchsweise einzusetzen, auszuprobieren, zu testen und zu verbessern, bis sie ab dem 1. Januar 2030 in der Fassung, die sich bis dann als allseits geeignet herauskristallisiert hat, im gesamten deutschsprachigen Sprach- und Schreibraum und überall dort, wo in deutscher Sprache geschrieben wird, verwendet werden kann.

 

Aus hier und hier wird hier und dort

Die ersten Gespräche wurden unter Anwesenden geführt. Die sprechende Person war hier und die hörende Person war auch hier. Das war mündliche Gedankenübermittlung unter Anwesenden an Ort und Stelle.

Wer einen Gedanken einer abwesenden Person übermitteln wollte, musste sich zu dieser – wenigstens bis auf Ruf- und Hörweite – hin begeben und ihr dort, – was dann aber von beiden aus gesehen wieder hier war, – seinen Gedanken vorrufen oder vorsprechen. Das war wiederum mündliche Gedankenübermittlung unter Anwesenden an Ort und Stelle.

Wer sich diesen Gedankengang sparen wollte, äusserte seine Gedanken mündlich einer Botin oder einem Boten und schickte diese oder diesen damit zur Empfängerin oder zum Empfänger, hatte aber keine Gewissheit, dass die Botin oder der Bote dort seine Gedanken genau im gewünschten Sinne mündlich wiedergab. Das war mündliche Gedankenübermittlung unter Abwesenden mit Ortsveränderung.

Mit der Erfindung der Schrift wurde es möglich, Gedanken, ohne dass diese jemals ausgesprochen worden wären, unter Abwesenden zu übermitteln. Hatte die Urheberin oder der Urheber ihre oder seine Gedanken erstmals etwa in Keilschrift in eine Felswand gehauen, konnte sie oder er sich davon entfernen oder sogar ganz aus dem Leben scheiden mit der Gewissheit, dass später hierher kommende Personen ihre oder seine geschriebenen Gedanken würden lesen können. Das war sprachlose Gedankenübermittlung unter Abwesenden ohne Ortsveränderung.

Wenn die Urheberin oder der Urheber ihre oder seine Gedanken etwa auf tragbare Knochen oder Felsplättchen schrieb, konnte sie oder er diese an Abwesende schicken wiederum mit der Gewissheit, dass diese ihre oder seine Gedanken dort würden lesen können. Das war sprachlose Gedankenübermittlung unter Abwesenden mit Ortsveränderung.

Dieses Prinzip blieb gleich und änderte sich auch nicht, als die tragbaren Knochen oder Felsplättchen als Schrift- und Gedankenträger mit der Zeit durch Papyrus, später durch Pergament und nochmals später durch das in China erfundene Papier ersetzt wurden. Ob auf diese Materialien nur kurze Gedankenblitze notiert oder über ganze Bücher sich erstreckende Weltanschauungen ausgebreitet wurden, änderte am Prinzip nichts. Es blieb auch weiterhin sprachlose Gedankenübermittlung unter Abwesenden mit Ortsveränderung, als die einzelnen Schriftzeichen zunächst von der Absenderin oder dem Absender in aus Punkten und Strichen bestehende Morsezeichen umgewandelt, diese als solche sichtbar in der Form von Licht- oder Rauchsignalen oder unsichtbar als elektrische Impulse über weite Entfernungen zur Empfängerin oder zum Empfänger gesandt, von dieser oder von diesem nach dem gleichen Morsesystem wieder in die einzelnen Schriftzeichen zurückverwandelt wurden und dergestalt dieser oder diesem endlich die am Anfang dieses langen Gedankenganges stehenden Gedanken der Absenderin oder des Absenders kund taten. Dies blieb auch so, als das Fernschreibersystem selber die Umwandlung der eingetippten Schriftzeichen in elektronische Impulse, deren Versand und Zurückwandlung in ausgedruckte Schriftzeichen automatisch übernahm.

Konnten bisher Gespräche nur unter Anwesenden geführt werden, wurden Gespräche unter Abwesenden, also einer Sprecherin oder einem Sprecher hier und einer Zuhörerin oder einem Zuhörer dort, möglich, als es gelang, die einzelnen gesprochenen Laute hier durch ein Mikrophon in elektrische Impulse zu verwandeln, diese zu versenden und dort wieder als einzelne gesprochene Laute aus dem Lautsprecher zum Vorschein oder zum Vorlaut kommen zu lassen. Das ist nun nicht mehr sprachlose und schriftliche, sondern mündliche und schriftlose Gedankenübermittlung unter telephonierenden Abwesenden.

 

Sprechen und Schreiben

Die ersten Gespräche wurden unter Anwesenden geführt, von Mund zu Ohr und zurück vom andern Mund zum ersten Ohr. Anwesend waren in vielen Fällen nur zwei, also die beiden, und keine Zeuginnen und keine Zeugen. Ein Wort war ein Strom in der Luft, von der Gesprächspartnerin oder vom Gesprächspartner empfangen und gehört – oder nicht empfangen und nicht gehört – und alsogleich verströmt und unwiederbringlich vom Winde verweht. Wurde etwas nicht verstanden, half es nichts, dem Luftstrom nachzuschauen, nachzuhören oder gar nachzueilen, zumal er unsichtbar war. Wer nicht verstanden hatte, bat um Wiederholung, erlangte aber nie die Gewissheit, dass das wiederholte Wort das gleiche war wie das unverstandene erste und sich die Sprecherin oder der Sprecher zwischen der Bitte um Wiederholung und deren Gewährung nicht anders besonnen hatte und so die vermeintliche Wiederholung gar keine Wiederholung, sondern eine andere Äusserung war als die nicht verstandene erste. Das Gespräch unter Anwesenden setzte einerseits ein gegenseitiges Vertrauen, ein vertraut Sein miteinander voraus, verschaffte ihnen aber auch die Gewissheit, dass Geäussertes von niemandem ausser den Anwesenden vernommen wurde. Das ist heute noch so, auch am – nicht abgehörten – Telephon. Ohne dass irgendwelche durch Drittpersonen lesbare Spuren hinterlassen würden, werden durch mündliche Gespräche, sei es unter Anwesenden, sei es unter Abwesenden am Telephon, Gedanken ausgetauscht. Am Ende des Gespräches kennen die einen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner die Gedanken der anderen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner und umgekehrt. Weitere, dritte Personen, erfahren von all dem nichts. Was gesagt wurde, welche Gedanken ausgetauscht wurden, wissen nur die beteiligten Personen.

Vor der Erfindung des Telephons mussten Verliebte oder andere Personen, die miteinander Nettigkeiten oder Neuigkeiten sogleich mündlich austauschen und sich nicht der Mühsal des langwierigen Briefeschreibens hin und her unterziehen wollten, sich bis auf Hörweite näher kommen und konnten dann in wohliger Zweisamkeit stundenlang Worte und Wörter und allerlei Lebensgeschichten von einem Mund zum andern Ohr und vom andern Mund zum einen Ohr hin und her und dann wieder zurück gehen und verlauten lassen, in der Gewissheit stets, von Dritten unbelauscht zu sein. Diese wohlige und unbelauschte Zweisamkeit vermochte die beiden Zwiesprache haltenden später selbst dann noch zu umfangen und sie die jeweilige Umgebung und die verfliessende Zeit vergessen lassen, als sie nach der Erfindung des Telephons längst nicht mehr zusammen auf einer einsamen Bank unter einer Linde sassen oder auf einem lärmigen Markplatz standen, wo sie selber einander kaum verstanden, sondern weit voneinander entfernt und getrennt an ganz verschiedenen Orten jedes mit dem Telephonhörer am Ohr dem anderen nichts ins Ohr flüsterten, sondern vor sich in das Telephonmikrophon hinein sprechen, plaudern und quatschen, schwatzen und tratschen, und so sich wiederholend stundenlang quasseln konnten. Mochten solche telephonischen Zwiegespräche noch so lange gedauert haben, es blieb davon nichts, nicht die geringste Spur, alles während Stunden Gesprochene, Gesagte und Geäusserte, Bekanntes und Unbekanntes, Unwichtiges und Wichtiges, Unvertrauliches und Vertrauliches, Geheimes und Geheimstes blieb verflossen, verströmt und vom Winde verweht.

Die telephonische Zweisamkeit war so angenehm und wohlig, dass sie die beiden süchtig danach zu machen vermochte, so dass sie sich immer und immer wieder anriefen und nicht genug voneinander hören und einander zuflüstern konnten. Der Anruf des einen hier war aber nur erfolgreich, wenn das andere dort sich in der Nähe des Telephonapparates aufhielt, das Klingeln oder einen anderen Ton vernahm und das Telephongespräch aufnahm. War das andere ausser Hörweite oder trotz eines tragbaren und schnurlosen Telephongerätes anderweitig verhindert, klingelte und klingelte die Klingel vergeblich und verklang im Leeren.

Genau für solche Situationen, in denen sich telephonsüchtige Personen durch die entfernte Abwesenheit der angerufenen Person bedrängt fühlen, hat der allgegenwärtige und stets einsatzbereite Fortschritt das SMS erfunden, dazu auch die e-Meldung und weitere elektronische Gedankenvermittlungssysteme. Damit wurde es einer Person, die eine andere Person telephonisch nicht erreicht hat, möglich, eine Nachricht zu hinterlassen, etwa : „Habe Dich telephonisch nicht erreicht. Bitte rufe zurück ! Es ist dringend !!!“

Bereits die Vorfreude auf die bevorstehende telephonische Unterhaltung über Nettigkeiten und Neuigkeiten vermag die anrufende Person in Wohlfühlstimmung zu versetzen, die selbst dann noch eine Weile anhält, wenn das angerufene Gegenüber nicht abhebt und sie so zur Abfassung einer SMS-Nachricht veranlasst. In dieser wohligen, vertrauensseligen und offenherzigen Stimmung tippt sie nun, immer noch das unbeantwortete Klingeln auf der anderen Seite im Ohr, die Kurznachricht „Ruf mich an !“ Tippt – und achtet nicht, dass sie tippend nicht spricht, sondern tippt und schreibt. Diese Nichtbeachtung und Selbstvergessenheit bleibt ohne Folgen, solange es bei der Bitte um Rückruf bleibt, wird aber sogleich gefährlich, wenn die Kurznachrichtenschreiberin oder der Kurznachrichtenschreiber der Bitte um Rückruf noch etwas von dem oder sogar das Ganze hinzufügt, was sie oder er dem vergeblich angerufenen Gegenüber telephonisch, also fernmündlich, also nur fernmündlich, mitzuteilen vorgehabt hatte. Wurde das fernmündlich Geflüsterte oder Berichtete wie jede mündliche Äusserung einmal, ein einziges Mal, gehört und verfloss alsogleich, verströmte und wurde vom Winde verweht, – bleibt nun die getippte Kurznachricht wie alles Geschriebene für immer geschrieben und kann als solches nicht nur einmal vom angerufenen Gegenüber, sondern auch von Dritten, ja von allen Leuten, nicht nur heute und morgen, sondern immer und ewig und immer und immer wieder gelesen werden. Und anders als die Handschriften, die in den Schreibstuben der Klöster und der Kathedral- und Stiftschulen von jeder Generation immer und immer wieder neu abgeschrieben wurden, aber immer wieder von anderen Personen, die vielleicht auch etwas weglassen, hinzufügen oder sonst verändern mochten, ändert sich an der einmal von der Kurznachrichtenschreiberin oder vom Kurznachrichtenschreiber eingetippten Kurznachricht nicht das Geringste. Sie bleibt unverändert und dauerhafter als jede in Felsen gehauene Keilschrift – und kann immer und ewig der oder dem mit Name und Vorname bekannten Absenderin oder Absender zugeordnet werden. Wird in einem gefährlichen telephonischen Wohlgefühl der wesentliche Unterschied zwischen einem flüchtig fernmündlich gesprochenen Wort auf der einen Seite und einem in eine Kurznachricht schriftlich eingetippten Wort auf der anderen Seite nicht beachtet, können die Folgen verheerend, umwälzend und tödlich sein.

/Sprix-1-10/

13. Oktober 2019 / RT

 

Nur im Mund hat Gold die Morgenstund

Die Abgeordneten des Parlamentes, die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident, die Mitglieder der Regierung, die Mitglieder des obersten Gerichtes, geladene Gäste aus aller Welt und viele weitere Persönlichkeiten hörten mucksmäuschenstill und mit andächtiger Aufmerksamkeit im festlichen Saal zu, wie in ganzer Pracht die Königin oder der König vom ganzen Hofstaat umgeben an einem frühen Vormittag die feierliche Thronrede hielt. Im siebten Satz der Thronrede machte die Königin oder der König an einer Stelle, wo es keine brauchte, zwischen zwei Wörtern eine überraschende Pause und sprach dann mit fester Stimme unbeirrt weiter. Etwas verwegen neigte sich die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident zur Seite und flüsterte ihrem oder seinem Sekretär oder ihrer oder seiner Sekretärin leise ins Ohr : „Die Königin oder der König ist nicht wach.“ Ungerührt und mit steinernem Gesichtsausdruck verfolgte die Sekretärin oder der Sekretär die lange Thronrede bis zum Ende, worauf das Zeremoniell und der ganze Weltenlauf ihren Fortgang nahmen. Das war vor dreissig Jahren.

 

Goldfinger nicht zur Morgenstund

Unlängst hörten die Abgeordneten des Parlamentes, immer noch die gleiche Ministerpräsidentin oder der gleiche Ministerpräsident, die Mitglieder der Regierung, die Mitglieder des obersten Gerichtes, geladene Gäste aus aller Welt und viele weitere Persönlichkeiten mucksmäuschenstill und mit andächtiger Aufmerksamkeit im festlichen Saal zu, wie in ganzer Pracht immer noch die gleiche Königin oder der gleiche König vom ganzen Hofstaat umgeben wiederum an einem frühen Vormittag die feierliche Thronrede hielt. Im siebten Satz der Thronrede machte die Königin oder der König an einer Stelle, wo es keine brauchte, erstmals wiederum nach dreissig Jahren zwischen zwei Wörtern eine überraschende Pause und sprach dann mit fester Stimme unbeirrt weiter. Etwas verwegen tippte diesmal die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident in ihr oder sein Mobiltelephon eine SMS-Nachricht an ihre oder seine junge Sekretärin oder an ihren oder seinen jungen Sekretär : „Die Königin oder König ist nicht wach.“ Auf ihrem oder auf seinem auf „stumm“ geschalteten Mobiltelephon las die junge Sekretärin oder der junge Sekretär die SMS-Nachricht, verfolgte ungerührt und mit steinernem Gesichtsausdruck die lange Thronrede bis zum Ende, schrieb aber gleichzeitig, wohl um sich wichtig zu machen, ihrerseits oder seinerseits eine SMS-Nachricht an ihren Freund oder seine Freundin in Australien : „Höre gerade die Thronrede“ und leitete gleichzeitig das SMS der Ministerpräsidentin oder des Ministerpräsidenten dorthin weiter. Das Zeremoniell nahm seinen Fortgang nahm. Der ganze Weltenlauf hingegen nahm eine Wendung.

Nicht sogleich zwar, denn die Freundin oder der Freund in Australien war entlang des sandigen Strandes des Stillen Ozeans am Joggen, stolperte über einen Haifischknochen, fiel so unglücklich auf einen zweiten Haifischknochen, dass sie oder er das Bewusstsein verlor und Stunden später mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus, wohin die Strandaufsicht sie oder ihn mit dem Helikopter geflogen hatte, aufwachte. Als erstes suchte die Freundin oder der Freund ihr oder sein Mobiltelephon, fand es nicht, erkundigte sich beim Krankenhauspersonal, das seinerseits vergeblich, auch im Helikopter, suchte, bis beim Empfang des Krankenhauses auf Umwegen über die Strandaufsicht ein Mobiltelephon abgegeben wurde, das von einer ehrlichen Joggerin oder einem ehrlichen Jogger am sandigen Strand des Stillen Ozeans unter einem dritten Haifischknochen gefunden worden sei. Nun kam die Beinbruchpatientin oder der Beinbruchpatient dazu, die eingegangenen Kurznachrichten zu lesen, neue zu schreiben, einige zu beantworten und die eine oder die andere weiterzuleiten, immer wieder unterbrochen von verschiedenen Mobiltelephongesprächen, in denen sie oder er ausführlich über das Joggen am sandigen Strand des Stillen Ozeans berichtete, und unterbrochen von Besuchen der Ärztinnen und Ärzte und von Fahrten im rollenden Krankenbett zu Röntgenaufnahmen.

Auf einer solchen Röntgenfahrt leitete sie oder er, weil sie oder er befürchtete, die Strahlen der nahenden Röntgenapparate könnten von ihrem oder seinem Mobiltelephon ausgehende Meldungen beeinträchtigen, die eben gelesene Kurznachricht über die Thronrede kurzerhand weiter an ihre oder seine Nachbarin oder ihren oder seinen Nachbarn, die oder der ihr oder ihm gerade mobiltelephonisch versichert hatte, sie oder er würde sich regelmässig während ihrer oder seiner Krankenhausabwesenheit um ihre oder seine Zimmerpflanzen kümmern.

Beim Teetrinken am Küchentisch erfuhr der Nachbarin oder des Nachbars Gatte oder Gattin, der oder die bei der Lokalzeitung arbeitete, von der Thronrede und der dazu abgegebenen Bemerkung. „Ministerpräsidentin oder Ministerpräsident hält Königin oder König für geistesgestört“ war gleichentags die fett aufscheinende Schlagzeile der Online-Ausgabe der australischen Lokalzeitung.

Die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident, die oder der gerade an einer Medienorientierung ein Gesetzesvorhaben erläuterte, mit dem der Einsatz moderner Kommunikationsmittel in den Kindergärten gefördert werden sollte, wurde von Reporterinnen und Reportern gefragt, ob sie oder er denn die Königin oder den König für unfähig halte, ihr oder sein Amt auszuüben, sah den Zusammenhang mit den Kindergärten nicht, verwahrte sich aber dagegen, an der Person der Königin oder des Königs die geringsten Zweifel zu hegen, und erklärte, als ihr oder ihm die Schlagzeile der Online-Ausgabe der australischen Lokalzeitung vorgelesen wurde, wahrheitsgemäss, so etwas nie gesagt zu haben. Umgehend warf eine Sprecherin oder ein Sprecher der Opposition der Ministerpräsidentin oder dem Ministerpräsidenten ein gestörtes Verhältnis zum Königshaus vor und forderte sie oder ihn auf, sofort zurückzutreten. Die Gesellschaft für die Abschaffung des Königtums hingegen hielt die behauptete Tatsachenbehauptung für eine Tatsache und sah nun die Zeit für die Verwirklichung ihres Anliegens für gekommen, wohingegen die Königstreuen Zweifel an der Echtheit der behaupteten Äusserung äusserten.

Erst als sie oder er in einer Online-Ausgabe einer einheimischen Zeitung, die der Sache etwas nachgegangen war, eine Abbildung des kleinen Bildschirms eines Mobiltelephons sah, auf dem sie oder er die von ihr oder ihm damals im Thronsaal eingetippte Kurznachricht lesen konnte, vermochte die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident sich überhaupt daran zu erinnern. In erhitzten Worten versuchte sie oder er im Parlament, wo sie oder er nun auch aus ihren oder seinen eigenen Reihen Forderungen nach ihrem oder seinem Rücktritt vernehmen musste, den genauen Zeitpunkt ganz am Anfang der vormittäglichen Thronrede und die weiteren Umstände verständlich zu machen, unter denen sie oder er damals ihrer oder seiner Sekretärin oder ihrem oder seinem Sekretär die mobiltelephonische Kurznachricht schrieb, nicht aber mündlich äusserte, dass sie oder er tatsächlich „nicht wach“ geschrieben habe, keinesfalls jedoch „geistesgestört“; und „nicht wach“ nicht etwa als „nicht wach im Sinne von nicht zurechnungsfähig, schon gar nicht im Sinne von geistesgestört“ verstanden habe, sondern als „nicht wach im Sinne von noch nicht ganz nach dem nächtlichen Schlaf aufgewacht und wach geworden“, welche Richtigkeit dieses „noch nicht ganz“ ja auch durch die Tatsache belegt werde, dass die Königin oder der König damals mit dem Fortgang ihrer oder seiner Thronrede allen Anwesenden einen zunehmend wacher und wacher werdenden Eindruck hinterlassen habe. Eigentlich hätte sie oder er zunächst das schliesslich Getippte als Zwischenbemerkung wie eine Bauchrednerin oder ein Bauchredner mit unbewegten Lippen durch ihren oder seinen halbgeschlossenen Mund zu ihrer oder seiner Sekretärin oder ihrem oder seinem Sekretär hinübermurmeln wollen, hätte dann aber, um ja nicht die Feierlichkeit durch Gemurmel zu stören, den fortschrittlicheren und lautlosen Weg der Kurznachricht gewählt und diese Kurznachricht auch zum sofortigen Verzehr und zur sofortigen Lektüre bestimmt. Dass diese Kurznachricht nun bestimmungswidrig und entgegen ihrer oder seiner Absicht nicht sofort verzehrt und gelöscht, sondern weiter im Dasein belassen worden sei und nun losgelöst von den Umständen ihrer Entstehung missverstanden und weit über den Wortlaut hinaus falsch ausgelegt werde, sei ihr oder ihm nicht zuzurechnen. Bereits unter anschwellendem Tumult der erregten Parlamentarierinnen und Parlamentarier führte die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident aus, es sei ihr oder ihm unerklärlich, wie ihr oder ihm ein Gedanke zugeschrieben werde, den sie oder er während ihres oder seines ganzen Lebens noch nie selber gedacht habe, und wie ihr oder ihm nun dieser nicht gedachte und nicht bestehende Gedanke als Misstrauen und Verrat gegenüber dem Königshaus und dem ganzen Lande vorgeworfen und zur Last gelegt werde.

Es half alles nichts. Es half auch nicht, dass sie oder er auf die dreissig langen Jahre verwies, während denen sie oder er als Ministerpräsidentin oder Ministerpräsident der Königin oder dem König und dem ganzen Land und dem Volk treu gedient hatte, und ein soeben aus dem Königshaus eingetroffenes Schreiben verlas, worin das Königshaus sein volles Vertrauen in die Ministerpräsidentin oder den Ministerpräsidenten aussprach. Ihre oder seine Worte gingen im brausenden Stimmengewirr unter und der Tumult drohte in ein Chaos umzuschlagen, als die ersten Parlamentarierinnen und Parlamentarier auf ihren Mobiltelephonen in Online-Ausgaben von einheimischen Zeitungen Meldungen über den bevorstehenden Rücktritt der Ministerpräsidentin oder des Ministerpräsidenten lasen, sodass die Parlamentspräsidentin oder der Parlamentspräsident den Zeitpunkt gekommen sah, die Sitzung des Parlamentes auf den morgigen Tag zu vertagen. Sie oder er tat dies, indem sie oder er das Licht löschen und die Lautsprecheranlage abstellen liess.

Tief bewegt und erschüttert verliess die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident das dunkel gewordene Parlamentsgebäude durch einen Seiteneingang, verschwand im Gewimmel der eilenden Passantinnen und Passanten, schritt bis zur Mitte der Brücke, stieg unversehens auf das Brückengeländer, rief laut ihr oder sein Passwort in den Luftraum und sprang, das Mobiltelephon voran, mit einem einzigen Satz hinunter in die Fluten des Flusses, wo der Legende nach pfeilschnell herbeigeschwommene blutrünstige und scharfzähnige Piranhas sie oder ihn innert weniger Minuten verspeisten mitsamt einem Exemplar eines Piranhas, das sich so unglücklich in den Herzschrittmacher der Ministerpräsidentin oder des Ministerpräsidenten festgebissen hatte, dass es sich gegen die kannibalischen Angriffe seiner Mitfische nicht verteidigen konnte, was Predigerinnen und Prediger aller Schattierungen zum Anlass nahmen, über den wesentlichen Unterschied zwischen dem tief stehenden und selbst gegenüber seinen Artgenossen mitleidlosen und kaltschnäuzigen Tier auf der einen Seite und dem auf einer höheren Stufe, einer Kulturstufe, angesiedelten Menschen mit seinem Gesellschaftssinn und seinem Mitgefühl gegenüber seinem Nächsten schöne Betrachtungen anzustellen. Zu einem Staatsbegräbnis kam es jedenfalls mangels Leichnam nicht.

 

Zwischen Sein und Nichtsein

Wir überlegen es uns sehr gut, bevor wir etwas schwarz auf weiss niederschreiben, und formulieren es sorgfältig so, dass uns auch bei der böswilligsten und schlimmstmöglichen Auslegung des Geschriebenen kein Schaden daraus entsteht, weil wir wissen, dass das Geschriebene in jedem Fall ohne unser weiteres Dazutun immer ist, fortwährend weiter besteht und, falls unsorgfältig formuliert, jederzeit in Unkenntnis oder bewusster Ausserachtlassung der Umstände, unter denen wir es geschrieben haben, und ganz gegen unsere Absicht ausgelegt werden kann.

Die gleiche Sorgfalt wenden wir nicht auf, wenn wir etwas Gesagtes nicht schwarz auf weiss niederschreiben, sondern es beim blossen sagen belassen. Kaum ist etwas gesagt, ist es schon nicht mehr. Das Gesagte ist länger nicht als es ist. Zudem gibt uns das zuhörende Gegenüber alsogleich bekannt, wenn es etwas nicht so verstanden hat, wie wir es gemeint haben, indem es Fragen stellt, ungläubige Augen macht oder die Hände verwirft und uns so veranlasst, unsere hinter dem Gesagten stehende Absicht auf der Stelle zu verdeutlichen.

Wenn wir einen Brief von Hand schreiben, formulieren wir die treffend gebeugten Wörter in der richtigen Satzstellung in Gedanken zu einem bis zum Punkt reichenden vollständigen Satz vor und schreiben die Rechtschreibung beachtend Wort für Wort in unserer schönsten Handschrift nieder. Schreiben wir den Brief auf der Schreibmaschine oder am Bildschirm, lesen wir ihn solange durch, bis wir darin keine Fehler mehr finden, drucken ihn erst dann aus und schicken ihn ab. Führen wir hingegen ein Telephongespräch, wenden wir in vielen Fällen nicht die gleiche Sorgfalt auf, sondern reden, plaudern und plappern munter darauf los, bemühen uns nicht einmal immer, hochdeutsch zu sprechen, sondern unterhalten uns gelegentlich mündlich in unserer Mundart. – Mehr und mehr Leute lassen heute diese Nachlässigkeit, ja Schluderigkeit und Schlampigkeit auf ihre als e-Meldungen oder Kurznachrichten versandten schriftlichen Äusserungen überschwappen. Personen, die sonst nie auf die Idee kämen, etwas in Mundart zu schreiben, tun es mehr und mehr, wenn sie heute gedankenlos ihre Geistesblitze in elektronische Kommunikationsmittel eintippen.

So bewegt sich die als Sprechersatz gedachte, etwa auf ein Mobiltelephon eingetippte Kurznachricht in einer Daseinsform zwischen Nichtsein und Sein, in einer Art Kaum-Sein. Denn solange eine Kurznachricht nicht schwarz auf weiss ausgedruckt ist, sondern nur in Form elektronischer Anordnungen existiert, ist sie und ist sie nicht; also nur fast, beinahe und kaum, aber eben doch.

Die Kurznachricht, die eine mitteilungsfreudige Person an eine telephonisch nicht erreichbare Freundin oder einen telephonisch nicht erreichbaren Freund sendet : „Rufe bitte zurück ! Habe eine Neuigkeit.“ wird spätestens am andern Morgen überflüssig, wenn die Neuigkeit in allen Zeitungen steht; auch dann, wenn die mitteilungsfreudige Person die Neuigkeit in die Kurznachricht selber aufgenommen hat. Trotz ihrer Überflüssigkeit und Unzeitgemässheit leben Kurznachrichten, e-Meldungen und andere moderne Mitteilungsbehelfe weiter. Für den Moment gedacht, bleiben sie für die Ewigkeit gemacht.

/Sprix-1-11/

12. November 2019 / RT

 

Erfindungszeit

Abgesehen davon, dass solche Überflüssigkeiten zeitlich überholt sind, verstellen sie die Sicht auf das Wesentliche, auf die zeitgemässen Hauptsachen und die noch gültigen Kurznachrichten. In einer Zeit, in der noch und noch Erfindungen aller Art gemacht werden, wichtige und unwichtige, praktische und unpraktische, unentbehrliche und entbehrliche, ist es nun an der Zeit, dass ein Mechanismus erfunden wird, der Kurznachrichten und andere nur während einer gewissen Dauer gültige Meldungen mit Eintritt eines einzugebenden Zeitpunktes nicht gerade explodieren, aber doch sich in nichts auflösen und von der Bildfläche verschwinden lässt. Ein solcher Selbstzerstörungsmechanismus wäre eine sehr hilfreiche Erfindung, die die wenigen Weizenkörner wichtiger Nachrichten automatisch vom Ballast gewordenen Spreu überflüssiger e-Meldungen befreien und den Menschen wieder freie Sicht auf das Wesentliche verschaffen könnte. Bereits der Begriff „Kurznachricht“, in dem nicht nur die Kürze der Nachricht, sondern auch ihre angestrebte, aber mangels eines Selbstzerstörungsmechanismus noch nicht erreichte Kurzlebigkeit zum Ausdruck kommt, verlangt nach einer solchen Erfindung. Wenn Erfinderinnen und Erfinder schon am Erfinden sind, dann können sie gerade auch einen Mechanismus erfinden, der auf Wunsch der Absenderin oder des Absenders einer Kurznachricht bewirkt, dass diese Kurznachricht sich sofort in Nichts auflöst, sobald die Adressatin oder der Adressat sich anschickt, diese auszudrucken, zu kopieren oder an eine weitere Person weiterzuleiten. Wie gesehen, kann damit Unheil vermieden werden.

 

Das Übungsfeld für den Praxistest

e-Meldungen und SMS und weitere elektronische Gedankenaustauschsysteme sind das geeignete Medium, in dem der Übergang von der Rechtschreibung zur Sprechschreibung in einem Praxistest ausprobiert und eingeübt werden kann. Ein Medium, das ist und nicht ist, und zwar zugleich. Ein Staatsvertrag, ein Gesellschaftsvertrag oder ein Ehevertrag und andere Schriftstücke von grosser Tragweite sind zu wichtige Dokumente, als dass sie für Schreibübungen missbraucht werden dürften, die Spielereien ähnlich sind. Einkaufszettel, Sudelblätter und ähnliche Kritzeleien sowie das ganze Gespinst an elektronischen Gedankenaustauschsystemen mit in Minuten zu berechnenden Halbwertszeiten sind – erfundene oder noch nicht erfundene Selbstzerstörungsmechanismen hin oder her – für derartige Schreibübungen, für einen Praxistest wie geschaffen.

 

Der Praxistest fällt nicht mit der Türe ins Haus

Bergsteigerinnen und Bergsteiger verlassen nicht das Schiff und steigen noch am gleichen Tag auf die Spitze des höchsten Berges, sondern nähern sich dem Berg langsam in Etappen, bereiten sich in höheren Lagen vor, akklimatisieren sich weiter oben, übernachten im Basislager und erklimmen die Spitze am letzten Tag. In gleicher Weise erfolgt der Übergang von der Rechtschreibung zur Sprechschreibung nicht auf einen Schlag über Nacht, sondern vollzieht sich in verkraftbaren Dosen.

 

Namen

Übungsobjekte sind die Wörter der deutschen Sprache. Namen aller Art, wie Personennamen und Ortsnamen, nehmen am Praxistest nicht teil.

 

Wörter aus fremden Sprachen

Übungsobjekte sind die Wörter der deutschen Sprache. Wörter aus fremden Sprachen nehmen am Praxistest nicht teil.

 

Zitate

Übungsobjekte des Praxistestes sind nur Gedanken, die in den Köpfen der Praxisteilnehmerinnen und Praxisteilnehmer neu gebildet und nun geschrieben oder als e-Meldungen, SMS oder ähnliches auf die Tastaturen getippt werden. Zitieren die Praxisteilnehmerinnen und Praxisteilnehmer aus bereits angefertigten und gedruckten deutschsprachigen Schriften von Gebrauchstexten bis zur Literatur, aus einer Packungsbeilage eines Heilmittels oder aus einem Roman einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers, belassen sie diese unangetastet in ihrer gewohnten Rechtschreibung.

 

Tote Sprachen haben keine Aussprache

Ob Tiere denken, wissen wir nicht. Falls sie es tun, bringen sie ihre Gedanken nicht durch eine den Menschen verständliche Sprache zum Ausdruck. Tiere bellen, brüllen, muhen, pfeifen und zwitschern. Tiere sprechen nicht. Die Sprache unterscheidet die Menschen von den Tieren. Indem die Menschenaffen begonnen haben, ihre Gedanken mündlich in Worten auszudrücken und auszutauschen, also zu sprechen, wurden sie Menschen. Ein gesprochenes Wort war aber bloss gehauchte und mundmodellierte Luft, weniger sichtbar als eine Seifenblase, aber ebenso schnell dahin und vom Winde verweht. Mit dem Aussterben der ersten Menschen starb auch ihre Sprache aus. Von der unbekannten Sprache der ersten Menschen haben wir so wenig, so gar nichts, dass wir diese Sprache nicht einmal als tot bezeichnen. Dass die Menschen, die sie gesprochen haben, ausgestorben sind, genügt nicht, um ihre Sprache als tote Sprache zu bezeichnen.

Mit der Erfindung der Schrift wurde es den Menschen dann aber möglich, ihre Gedanken dem flüchtigen Dasein im gesprochenen Wort zu entziehen und ihnen in Form von Schriftzeichen Beständigkeit zu verschaffen. Was diese Menschen in ihrer Sprache in Keilschrift in eine Felswand gehauen oder in Schriftzeichen auf Papyrus oder Pergament geschrieben haben, blieb selbst dann noch in grösseren oder kleineren Mengen erhalten, als die Menschen, die diese Sprache gesprochen und geschrieben haben, ausgestorben sind. Erst solche Sprachen, die heute nicht mehr gesprochen werden, von denen wir aber schriftliche Hinterlassenschaften haben, bezeichnen wir als tote Sprachen. Damit etwas tot sein kann, muss also schon etwas da sein. Wo gar nichts ist, kann auch nichts tot sein. So zögern wir etwa nicht, die Mumie von Ramses II. von Ägypten als toten Pharao zu bezeichnen, haben aber eher Mühe, im gefundenen Skelett von Richard III. von England, auch wenn es sämtliche Knochen enthält, einen toten König zu sehen. Dafür hat es uns einfach zu wenig Fleisch am Knochen.

Mag eine Sprache auch tot sein, in unser Bewusstsein als solche gelangt sie erst, wenn die in ihr abgefassten Schriften für uns von Bedeutung sind, indem sie sich mit heute noch wichtigen Fragen des Lebens befassen, wie das etwa die in griechischer oder lateinischer Sprache abgefassten Schriften tun. Es gibt aber keine Menschen mehr, die diese Sprache als ihre Muttersprache sprechen, weshalb wir nicht hören, wie diese Sprache damals ausgesprochen wurde. Wir haben nur noch die stummen, toten Buchstaben. Verwenden die Praxisteilnehmerinnen und Praxisteilnehmer Wörter oder ganze Sätze aus solchen stummen Schriften, versuchen sie darum erst gar nicht, die einzelnen Wörter so zu schreiben, wie sie ausgesprochen wurden, sondern geben etwa die lateinischen Texte in jedem Fall buchstabengetreu so wieder, wie sie seit der Zeit der Römerinnen und Römer immer wieder geschrieben worden sind.

/Sprix-1-12/

12. Dezember 2019 / RT

 

Der Praxistest

Die Stockwerke des Buchstabenhochhauses

Wir stellen uns ein Hochhaus mit vielen Stockwerken vor und betreten

das Erdgeschoss mit der deutschen Rechtschreibung

Hier befinden wir uns in einer Schreibstube, wie wir sie als mittelalterliches scriptorium eines Klosters oder einer Kathedral- oder Stiftsschule oder als heutiges Grossraumbüro kennen. Hier wird geschrieben und abgeschrieben wie es die deutsche Rechtschreibung vorsieht. Die Schreibstube ist sehr geräumig. Alle Leute, die Deutsch schreiben, haben hier ihr Schreibpult.

Leute, die am Praxistest nicht teilnehmen, verlassen das scriptorium nie. Leute, die aus dem Praxistest aussteigen, kommen in das scriptorium zurück.

Leute, die am Praxistest teilnehmen, verlassen die Schreibstube, wenn sie e-Meldungen und SMS und mit weiteren elektronischen Gedankenaustauschsystemen Mitteilungen abfassen wollen, und gelangen

am Freitag, dem 10. Januar 2020 über eine innere Wendeltreppe hinauf in

das erste Stockwerk, wo der Schaumwein schäumt

Schaumwein

ʃaumwein

Aus der Überlegung, dass einem Laut ein Buchstabe entsprechen soll, tippen sie auf die Tastatur ihres Mobiltelephones nicht die drei Buchstaben „s“ und „c“ und „h“, sondern das Zeichen „ʃ“ ein, wenn sie zum Beispiel „schreiben“ ʃreiben wollen. Das Zeichen „ʃ“ für den Schaumwein-ʃ-Laut ist ihnen ja aus der internationalen Lautʃrift bekannt. Für sie ist das von nun an ein Buchstabe wie etwa der Buchstabe „f“, der ja auch für einen einzigen Laut steht, der für seine ʃriftliche Darstellung auch nicht drei ganze Buchstaben aufbietet. Sie denken : „Was dem ‚f’ recht ist, soll dem ‚ʃ’ billig sein.“

Auf diese Weise üben sich viele Praxistesterinnen und Praxistester im ersten Stockwerk in die Anfänge der Sprechʃreibung ein und betrachten anfänglich Wörter wie „wuʃelhaarig“, „ʃlaraffenland“ und „ʃleiereule“ mit einem gewissen Befremden. Zunächst fremdartig erʃeinende Buchstabengebilde wie „ʃafʃur“, „ʃreibʃrift“ oder „ʃnurʃleife“ ʃauen sie ungläubig an, sprechen sie dann aber in Gedanken aus und hören sich in Gedanken „ʃafʃur“, „ʃreibʃrift“ oder „ʃnurʃleife“ sprechen und denken belustigt „Aha !“ Bald gewöhnen sie sich aber an den „ʃönen ʃein“ und die „ziʃende ʃlange“ und ʃwatzen miteinander quietʃvergnügt über das Leben im Schwarzwald.

Namen wie eben gerade „Schwarzwald“ bleiben nämlich so, wie sie sind. Zum einen sind Namen höchstpersönliche Angelegenheiten, die aussenstehende Personen nicht einfach so mir nichts dir nichts anders ʃreiben dürfen, und zum andern verstehen die Einwohnerinnenkontrollämter und die Einwohnerkontrollämter, die die Namen verwalten, nicht den allergeringsten Spass. Die Praxistesterinnen und Praxistester ʃreiben darum weiterhin wie bisher „Schwarzwald“, „Schneewittchen“ und „Nationale Eisenbahngesellschaft“.

Einigen Praxistesterinnen und Praxistestern hingegen gefällt die Sprechʃreibung überhaupt nicht, sie können sich mit ihr nicht anfreunden und finden, eine ʃreibmaʃine sei einfach keine ʃreibmaʃine, wenn sie nicht aussehe wie eine „Schreibmaschine“, sie können sich darunter nichts vorstellen, steigen aus dem Praxistest aus und über die innere Wendeltreppe hinunter in ihr vertrautes scriptorium.

 

Eine Pflanze atmet auf

Ganz Feuer und Flamme hingegen für die Ersetzung des dreibuchstabigen „sch“ durch den einen Buchstaben „ʃ“ ist das Heideröschen. Immer und immer wieder wurde es in der Vergangenheit in Lesungen ab Blatt unverstanden von der Lektorin oder dem Lektor als „Heideröʃen“ vorgelesen und dementsprechend von den Zuhörerinnen und Zuhörern nicht verstanden. Es freut sich darum über die neue Sprechʃreibung und trinkt zusammen mit Lieschen, Hänschen und dem Mäuschen im Wetterhäuschen, denen es ebenso erging, ein Gläschen ʃaumwein.

 

Geistige Regsamkeitsübung

Aber auch die Praxistesterinnen und Praxistester, die vorhaben, weiterhin dabei zu bleiben, steigen über die innere Wendeltreppe ins scriptorium hinunter, sobald sie etwas Wichtiges zu Papier bringen müssen, und halten sich dort wie in ihrem bisherigen Leben fein säuberlich an die deutʃe Rechtʃreibung. Mit der Zeit werden sie gewahr, dass durch dieses ständige Hinauf- und Hinuntersteigen von einem Stockwerk zum andern ihre geistige Regsamkeit zunimmt und sie an innerer Standhaftigkeit gewinnen.

 

Längeres Verweilen

Gelegentlich erleben es die Leute des ersten Stockwerkes, dass einzelne Praxistesterinnen und Praxistester, die es ʃon nach wenigen Tagen gewagt haben, auf der Wendeltreppe hinaufzusteigen und sich in den höheren Stockwerken umzusehen, ʃon nach kurzer Zeit wieder ganz verstört und von ʃwindel benommen herunterkommen, unter Brechreizen und Sehstörungen leiden und in Häppchen von ʃrecklichen, geisterbahnähnlichen Erlebnissen in den oberen Stockwerken berichten. Diese Gezeichneten steigen entweder ganz hinunter in das scriptorium und bleiben dort für immer oder erholen sich noch einige Zeit im ersten Stockwerk mit dem ʃaumwein.

Abgeʃreckt von diesen ʃauerberichten steigen in den nächsten Tagen die Praxistesterinnen und Praxistester nicht weiter nach oben ,sondern bleiben im ersten Stockwerk mit dem ʃaumwein und üben sich im ʃreiben von ʃwierigen Wörtern. So ʃreiben sie über ʃlimme ʃarfʃützen, die sich mit ihrem ʃiessgewehr an ihre Wäʃe waʃenden Waʃbären heranpirʃen und diese mit einem ʃuss aufʃrecken wollen, der aber nicht abgeht, weil das ʃiesspulver in der Waʃküche feucht geworden ist, und darob selber erʃreckt verärgert ausrufen : „So sieht jetzt ʃeisse aus.“ Andere ʃreiben : „ʃlafwandlerinnen und ʃlafwandler wandeln heute in der ʃlafwandelhalle und träumen von der ʃlafwandelhallenmeisterʃaft.“

 

Weniger ist gleich viel

Wo sie bisher Wörter mit x Buchʃtaben geʃrieben haben, ʃreiben die Praxistesterinnen und Praxistester die gleichen Wörter nun mit x-2 Buchʃtaben, also „ʃaumwein“, „ʃlaraffenland“ und „ʃleiereule“, in Fällen wie „ʃafʃur“ und „ʃreibʃrift“ sogar nur mit x-4 Buchʃtaben, und rechnen aus, dass auf diese Weise in einem durchʃnittlichen Buch wohl eine ganze Seite Druckerʃwärze eingeʃpart werden kann. Angesichts der zu Ende gehenden Bodenʃätze und anderer Vorräte ist das nicht viel, aber mehr als nichts, und mehr als nichts ist immerhin etwas.

 

Wendeltreppensteigen

Nach einem Monat stellen die Praxistesterinnen und Praxistester fest, dass sie nun den Buchstaben „ʃ“ mit der gleichen Leichtigkeit ʃreiben oder eintippen, mit der sie in ihrem bisherigen Leben den Buchstaben „f“ geʃrieben oder eingetippt haben. So unternehmen sie es, neugierig und abenteuerlustig

/Sprix-1-13/

10. Januar 2020 / RT

 

am Sonntag, dem 9. Februar 2020 über die Wendeltreppe hinaufzusteigen in

das zweite Stockwerk, wo „ʃ“ drauf steht, wenn „ʃ“ drin ist

Sportberichterstattung

ʃportberichterʃtattung

Ausgehend von der ersten Überlegung, dass einem Laut ein Buchstabe entsprechen soll, gelangen sie zur zweiten Überlegung, dass drauf stehen soll, was drin ist. Wenn also drinnen im Mund ein „ʃ“ gesprochen wird, dann soll auch draussen auf dem Bildʃirm oder dem Papier ein „ʃ“ erʃeinen. Ein „ʃ“ sprechen sie aber nicht nur dort, wo sie die drei Buchstaben der Buchstabentroika „s“ und „c“ und „h“ sehen, wie etwa in „ʃaumwein“, „wuʃelhaarig“, „ʃlaraffenland“ oder „ʃleiereule“, sondern häufig auch dann, wenn sie am Anfang eines Wortes auf den Buchstaben „s“ den Buchstaben „p“ oder „t“ folgen sehen, wie etwa in „ʃportberichterʃtattung“, „ʃtruppelhaarig“, „ʃtrassenlaterne“, „ʃperbereule“ oder „ʃteinkauz“. Da sie in diesen Fällen in ihrem Mund nicht ein „s“ ausʃprechen, sondern ein „ʃ“, ʃeint es ihnen nur folgerichtig, auch draussen ein „ʃ“ zu ʃreiben oder zu tippen, also ʃpanferkel, ʃpaltpilz, ʃtiefmutter, ʃtiefvater, ʃtieftochter und ʃtiefsohn.

Hören vor dem ʃreiben

Da ʃprache von ʃprechen kommt, ʃteht am Anfaŋ der geʃprochene Laut und nicht der geʃriebene Buchʃtabe. Damit wir den geʃprochenen Laut hören, müssen wir hinhören und nicht Buchʃtaben anʃauen. Sehen sie die Buchʃtabenfolge „s“ und „p“ oder „s“ und „t“ im Innern eines Wortes, hören sie, dass sie in Gedanken das „s“ als „s“ und nicht als „ʃ“ ausʃprechen und „Wespe“, „lispeln“, „meistens“, „Ostern“ und „Fenster“ sagen; dementʃprechend ʃreiben sie auch „Wespe“, „lispeln“, „meistens“, „Ostern“ und „Fenster“.

Wenn die Praxistesterinnen und Praxistester die Buchʃtabenfolge „s“ und „p“ oder „s“ und „t“ im Inneren einer Wörterzusammensetzung sehen, dort, wo das „s“ als letzter Buchʃtabe des ersten Wortes auf das „p“ oder das „t“ als ersten Buchʃtaben des zweiten Wortes trifft, hören sie, dass sie in Gedanken das „s“ als „s“ und nicht als „ʃ“ ausʃprechen und „Gaspedal“, „Glasperlen“ und „Hausportal“ und „austrinken“, „lostreten“ und „Haustreppe“ sagen; dementʃprechend ʃreiben sie auch „Gaspedal“, „Glasperlen“ und „Hausportal“ und „austrinken“, „lostreten“ und „Haustreppe“. Auch in einer aus zwei Wörtern zusammengesetzten Wörterzusammensetzung hat jedes einzelne Wort seinen Anfang, – so wie von zwei zusammengekoppelten Eisenbahnwagen jeder einzelne seinen Wagenanfang und sein Wageninneres hat.

Nach dieser Festʃtellung üben sie weiter und ʃreiben etwa Kurznachrichten wie : „Vom Fenster ʃticht die ʃpäte Wespe meistens ʃtur in See.“ – „In der Gastʃtube ʃteht der nächste Geist im Kasten.“ Dabei gewöhnen sie sich mehr und mehr daran, vor dem ʃreiben in Gedanken hinzuhören, wie ein Wort tönt, lautet oder ausgeʃprochen wird. Der Übergang von der Rechtʃreibung zur ʃprechʃreibung ändert ja nichts an der Ausʃprache. Die Ausʃprache ist darum unveränderter Massʃtab für die ʃprechʃreibung. Die Praxistesterinnen und Praxistester brauchen daher gar nicht lange nach Regeln zu suchen, wie etwas zu ʃreiben ist, sondern halten sich einfach an die unverändert bleibende Ausʃprache.

ʃwindende Dummheit

Erfahrungsgemäss werden Kurznachrichten meistens ohne grossen gedanklichen Aufwand kurz formuliert und raʃ abgesandt. Dementʃprechend sind viele Kurznachrichten, e-Meldungen und Ähnliches unüberlegte, einfältige, ja sogar dumme, oft auch peinliche Äusserungen. Der Umʃtand, dass die Praxistesterinnen und Praxistester sich oft veranlasst sehen, in Gedanken hinzuhören, wie etwas lautet und wie es zu ʃreiben ist, hat zur Folge, dass sie gleichzeitig auch hören, was sie ʃreiben wollen, und dabei gewahr werden, dass sie darauf und daran sind, einen Unsinn zu verfassen, im letzten Moment doch davor zurückʃrecken, in Gedanken umformulieren und auf diese Weise mehr und mehr weniger Dummheiten absenden, ja zunehmend wohlüberlegte Weisheiten von sich geben. Jedenfalls ʃtellen die Empfängerinnen und Empfänger fest, dass Kurznachrichten, die sie von Leuten erhalten, die sich gerade als Praxistesterinnen und Praxistester im Buchʃtabenhochhaus befinden, zwar ein ungewöhnliches Zeichen enthalten, sich aber inhaltlich wohltuend vom Durchʃnitt abheben.

Wendeltreppenʃteigen

Auch im zweiten ʃtockwerk, wo „ʃ“ drauf ʃteht, wenn „ʃ“ drin ist, verweilen die Praxistesterinnen und Praxistester vier Wochen, bevor sie sich getrauen,

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9. Februar 2020 / RT

 

am Montag, dem 9. März 2020 über die Wendeltreppe hinaufzuʃteigen, in

das dritte ʃtockwerk, wo lang kürzer wird

Lang

Laŋ

Die Praxistesterinnen und Praxistester haben sich nun daran gewöhnt, in Gedanken hinzuhören, wie ein Wort tönt, lautet oder ausgeʃprochen wird, bevor sie es niederʃreiben oder eintippen. Dabei ist ihnen aufgefallen, dass sie, um zum Beiʃpiel das Wort „lang“ auszuʃprechen, mit ihren ʃprechwerkzeugen drei Laute bilden : ein Libellen-l, ein Allerwelts-a und ein Zahnhals-ŋ, – also jenen ʃmerzlaut, den wir gequält von uns geben, wenn die Zahnärztin oder der Zahnarzt in unserem geöffneten Mund mit einem ihrer oder seiner Instrumente an eine empfindliche ʃtelle eines Zahnhalses gerät, – den wenigsten Menʃen gelingt es ja, mit zahnmediziniʃen Geräten im geöffnetem Mund den korrekten ʃmerzlaut „Au !“ auszuʃtossen, – ist ihnen aber auch aufgefallen, dass sie für diese drei Laute vier Buchʃtaben : ein „l“ und ein „a“ und ein „n“ und ein „g“ aufbieten. Dem Grundsatz folgend, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, geht man im dritten ʃtockwerk dazu über, das Zahnhals-ŋ nicht mehr mit den zwei Buchʃtaben „n“ und „g“, sondern mit dem aus der internationalen Lautʃrift bekannten einen Buchʃtaben „ŋ“ wiederzugeben.

Ganz geheuer ist es dabei nicht allen und manche zweifeln, ob das auch so sei. Etwas verʃtohlen begeben sie sich in den Vorraum des dritten ʃtockwerkes, wo ein ʃpiegel ʃteht und ʃauen hinein.

–          Sie ʃprechen ein Nein-nein-n und sehen im ʃpiegel, dass dabei ihre Zuŋenʃpitze zwiʃen ihren Zähnen hervorʃaut, und hören, dass es dabei aus der Nase tönt und dass sich das Nasen-n in die Läŋe ziehen lässt.

–          Dann ʃprechen sie ein Gurgel-g und sehen im ʃpiegel, dass dabei von ihrer Zuŋenʃpitze nichts mehr zu sehen ist, und hören, dass sie dabei nur einen kurzen Gurgel-g-Laut von sich geben, – der kurz so tönt, wie wenn wir an Ostern zwei hart gekochte Ostereier aufeinander ʃlagen, um festzuʃtellen, welches von beiden dabei unversehrt bleibt, – der ʃon wieder weg ist, nicht aus der Nase getönt hat und sich auch nicht in die Läŋe ziehen lässt.

–          Zum Vergleich geben sie nun ein Zahnhals-ŋ von sich und sehen dabei die Zuŋe nicht, hören aber, dass es dabei auch aus der Nase tönt und dass sich auch das Zahnhals-ŋ in die Läŋe ziehen lässt.

–          Zum ʃluss ʃprechen sie das Wort „laŋ“ und ʃtellen fest, dass sie beim ʃlusslaut keine Zuŋenʃpitze gesehen und keinen Ostereierklick gehört haben, und kommen zum ʃluss, dass für diesen ʃlusslaut weder das „n“ allein noch das „g“ allein noch die ng-Zusammensetzuŋ der beiden den letzten Laut von „laŋ“ treffend wiedergeben, dass hingegen das Zahnhals-ŋ dies goldrichtig tut.

Nachdem sich so auch die Zweiflerinnen und Zweifler überzeugt haben, dass der Buchʃtabe „ŋ“ geeignet und berechtigt ist, den Zahnhals-ŋ-Laut ʃriftlich darzuʃtellen, üben sie sich in dessen Anwenduŋ ein und versenden Kurznachrichten wie etwa : „In eŋen Gäŋen queŋeln juŋe Beŋelinnen und juŋe Beŋel so laŋe, bis die Wärterinnen und Wärter ganz baŋe sie ʃliesslich ins Freie briŋen, wo sie vergnügt wie Eŋelein aus vollen Luŋen siŋen.“

Damit sie sich nicht jedes Mal in den Vorraum des dritten ʃtockwerkes begeben müssen, wenn sie sich selber im ʃpiegel bei der Ausʃprache beobachten wollen, führen die Praxistesterinnen und Praxistester von nun an immer einen Taʃenʃpiegel in ihrem Behälter mit den ʃreibwerkzeugen mit und ʃtellen bald einmal fest, dass sie diesen Taʃenʃpiegel häufiger zu Hilfe nehmen als den Radiergummi.

Ein Buchʃtabe für einen Laut

Wo sie bisher Wörter mit x Buchʃtaben geʃrieben haben, ʃreiben die Praxistesterinnen und Praxistester die gleichen Wörter nun mit x-1 Buchʃtaben, also „eŋ“ und „laŋ“, „Siŋ“ und „Saŋ“, „Kliŋ“ und „Klaŋ“, „Giŋ“, „Gaŋ“, „Goŋ“ und „Diŋ“, „Daŋ“, „Doŋ“, – Hong Kong hingegen ist ein Ortsname und bleibt wie er ist und King Kong ist ein Eigenname und bleibt wie er ist, – und rechnen aus, dass auf diese Weise in einem durchʃnittlichen Buch wohl eine ganze Seite Druckerʃwärze eingeʃpart werden kann. Angesichts der zu Ende gehenden Bodenʃätze und anderen Vorräte ist das nicht viel, aber mehr als nichts, und mehr als nichts ist immerhin etwas.

Hören vor dem ʃreiben

Da ʃprache von ʃprechen kommt, ʃteht am Anfaŋ der geʃprochene Laut und nicht der geʃriebene Buchʃtabe. Damit wir den geʃprochenen Laut hören, müssen wir hinhören und nicht Buchʃtaben anʃauen. Im dritten ʃtockwerk geben darum die Praxisteterinnen und Praxistester nur den gehörten Zahnhals-ʃmerzlaut mit dem Buchʃtaben „ŋ“ wieder; sie ersetzen nicht blindliŋs in allen Fällen das Buchʃtabenpaar „ng“ ungehört einfach durch ein „ŋ“ – und ʃreiben darum zum Beiʃpiel „angeʃtreŋt“, „hingegen“, „eingefallen“ und „ungriechiʃ“.

Unverʃtändnis, Fassuŋslosigkeit und Begeisteruŋ

In der Zwiʃenzeit haben die Adressatinnen und Adressaten die vor kurzem versandten Kurznachrichten über die aus vollen Luŋen siŋenden Beŋelinnen und Beŋel empfaŋen, gelesen und verʃtanden – und zu ihrem eigenen Erʃtaunen verʃtanden, obwohl sie darin auf weitere ungewöhnliche Buchʃtaben geʃtossen sind. Obwohl sie den Text verʃtanden haben, briŋen einige antwortende Empfäŋerinnen und antwortende Empfäŋer ihr Unverʃtändnis zum Ausdruck und zeigen sich fassuŋslos, während andere geradezu begeistert sind und in ihren eingetippten Kurzantworten die gleichen ungewöhnlichen Buchʃtaben verwenden. Die ergötzliche Verʃiedenartigkeit der widerʃprüchlichen Antworten löst bei den Praxistesterinnen und Praxistestern einen heiteren Wirbel aus.

Wendeltreppenʃteigen

Natürlich ʃteigen sie immer wieder ins scriptorium hinunter und erledigen dort während eines grossen Teils des Tages ihren normalen ʃriftverkehr in der althergebrachten deutʃen Rechtʃreibuŋ. Wie sie dann wieder in Gedanken versunken in das dritte ʃtockwerk, wo laŋ kürzer ist, hinaufʃteigen, und sich überlegen, ob sie nicht doch diese eigenartige Übuŋ abbrechen sollten, fällt ihnen auf, dass sie den Zahnhals-ŋ-Laut nicht nur in eŋen Gäŋen hören, sondern auch auf ʃwankenden Planken vernehmen. Dieser Gedanke treibt sie an,

/Sprix-1-15/

9. März 2020 / RT

 

am Mittwoch, dem 8. April 2020 auf der Wendeltreppe geradewegs hinaufzuʃteigen in

das vierte ʃtockwerk, wo „ŋ“ drauf ʃteht, wenn „ŋ“ drin ist

Hinkelʃtein

Hiŋkelʃtein

Ausgehend von der ersten Überleguŋ, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, gelaŋen sie zur zweiten Überleguŋ, dass drauf ʃtehen soll, was drin ist. Wenn also drinnen im Mund ein „ŋ“ geʃprochen wird, dann soll auch draussen auf dem Bildʃirm oder dem Papier ein „ŋ“ erʃeinen. Ein „ŋ“ ʃprechen sie aber nicht nur dort, wo sie die zwei Buchʃtaben des Buchʃtabenduos „n“ und „g“ sehen, wie etwa in „eŋ“ und „laŋ“, „Siŋ“ und „Saŋ“, „Kliŋ“ und „Klaŋ“, „Giŋ“, „Gaŋ“, „Goŋ“ und „Diŋ“, „Daŋ“, „Doŋ“, sondern häufig auch dann, wenn sie im Inneren eines Wortes auf den Buchʃtaben „n“ den Buchʃtaben „k“ folgen sehen, wie etwa in „ʃwaŋkenden Plaŋken“, „pruŋkenden Praŋken“, „liŋken Gedaŋken“ und „versuŋkenen Dʃuŋken“. Da sie in diesen Fällen in ihrem Mund nicht ein „n“ ausʃprechen, sondern ein „ŋ“, ʃeint es ihnen nur folgerichtig, auch draussen ein „ŋ“ zu ʃreiben oder zu tippen, also „Waŋkelmotor“, „Heŋkelkrug“, „Hiŋkelʃtein“ und „Oŋkelgemuŋkel“.

Hören vor dem ʃreiben

Sehen sie die Buchʃtabenfolge „n“ und „k“ hingegen im Inneren einer Wörterzusammensetzuŋ, wo das „n“ als letzter Buchʃtabe des ersten Wortes auf das „k“ als ersten Buchʃtaben des zweiten Wortes trifft, hören sie, dass sie in Gedaŋken das „n“ als „n“ und nicht als „ŋ“ ausʃprechen und „Beinknochen“, „Hirnkasten“, „Wahnkind“ und natürlich „Sinnkrise“ sagen; dementʃprechend ʃreiben sie auch „Beinknochen“, „Hirnkasten“, „Wahnkind“ und natürlich „Sinnkrise“.

Angewöhnuŋszeit

Anders als in den ersten drei ʃtockwerken fühlen sich die Praxistesterinnen und Praxistester im vierten ʃtockwerk nun etwas beeŋt. Etwas übermütig und abenteuerlustig haben sich viele von ihnen ʃon nach kurzem Aufenthalt in das fünfte ʃtockwerk oder sogar in noch weiter oben liegende ʃtockwerke begeben. Nur von sehr wenigen von diesen hat man nichts mehr gehört, während die meisten von diesen Wagemutigen nach kurzer Zeit wieder in das vierte ʃtockwerk heruntergeʃtiegen sind. Dem Vernehmen nach hat sich eine allzu forʃe Aufʃteigerin oder ein allzu forʃer Aufʃteiger übernommen und musste von einem der oberen ʃtockwerke in ein Kraŋkenhaus verbracht werden. Die Herabgeʃtiegenen wollen ihren Aufʃtieg in die Höhen der ʃprechʃreibuŋ wieder verlaŋsamen, halten die bisherige Angewöhnuŋszeit ein und üben sich im vierten ʃtockwerk im Übergaŋ von der Rechtʃreibuŋ zur ʃprecheʃreibuŋ.

 

Wendeltreppenʃteigen

Erst nach Ablauf der Angewöhnuŋszeit ʃteigen die Praxistesterinnen und Praxistester

/Sprix-1-16/

8. April 2020 / RT

 

am Donnerstag, dem 7. Mai 2020 auf der Wendeltreppe in

das fünfte ʃtockwerk, wo vieles fällt

Vielfrass

Fielfrass

Wenn die Praxistesterinnen und Praxistester im fünften ʃtockwerk hören und dabei genau hinhören, dass dem Vernehmen nach viele Füchse viel Geflügel fressen, fällt ihnen auf, dass sie, so viel und so fest sie sich auch anʃtreŋen, keinen Unterʃied in der Ausʃprache des jeweils ersten Lautes der „vielen Füchse“ festzuʃtellen vermögen. Der Fiʃ-f-Laut und der Vogel-v-Laut, – in beiden Fällen hören sie ein Vielfrass-f, – entʃtehen beide auf die gleiche Weise, indem Luft aus der Luŋe durch einen feinen, zwiʃen der Unterlippe und den obern Zähnen geformten waagrechten ʃpalt hindurch ins Freie entlüftet wird. Aus der Überleguŋ, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, verzichten sie auf das irremachende Nebeneinander zweier Buchʃtaben für den gleichen Laut, und geben den Fielfrass-f-Laut durchwegs mit dem Buchʃtaben „f“ wieder. Den Buchʃtaben „v“ ferwenden sie für den Fielfrass-f-Laut nur noch, wenn sie in Personennamen wie „Vaihinger“ und „Vellmar“ und Ortsnamen wie „Völklingen“ und „Villingen-Schwenningen“ einen Fielfrass-f-Laut hören.

So fressen nun fiele Füchse fiel Geflügel und ferfolgen Mütter und Fäter die Fortʃritte ihrer Kinder in den ferʃiedenen ʃulen mit fiel Interesse. Fielen Praxistesterinnen und Praxistestern erʃeint das nun aber doch des Guten zufiel. Sie werden unwillig und halten diese ʃreibweise für ferrückt, hirnferbrannt und unfernünftig und ʃicken sich an, aus dem Praxistest auszuʃteigen.

Andere hingegen sind begeistert und halten diese ʃreibweise geradezu für die einzig fernünftige, fermögen sie sich doch an William Ockham zu erinnern, der gesagt haben soll, dass etwas nicht mit grösserem Aufwand getan werden sollte, was auch mit kleinerem Aufwand getan werden kann. Es sei darum nicht einzusehen, warum ein und derselbe Laut einmal mit diesem Buchʃtaben und einmal mit jenem Buchʃtaben wiedergegeben werden sollte. Die Bilduŋ des Fielfrass-f sei ein physikaliʃer Forgaŋ. Gleiche physikaliʃe Forgäŋe würden in ein und demselben physikaliʃen Institut ʃtets mit den gleichen Zeichen festgehalten. Es sei noch keiner Wetterʃtation eingefallen, die Aussentemperatur am Morgen in Celsius und am Nachmittag in Fahrenheit und am Abend in Réaumur aufzuzeichnen; es käme auch niemand auf die Idee, dass in ein und demselben Land auf den ʃtrassen an Werktagen der Rechtsferkehr gelten und an Sonn- und Feiertagen der Liŋksferkehr gelten sollte. Die fon Pferden gezogenen Kutʃen fuhren als Forfahrinnen der Automobile. Es lag daher nahe, die Leistuŋ auch der Automobile in Pferdeʃtärken zu bemessen, während auf anderen Gebieten die Leistuŋ in Watt bemessen wurde. Für Leistuŋsfergleiche erwiesen sich zwei Bemessuŋseinheiten mehr und mehr als hinderlich, so dass seit über 35 Jahren dem Ockham’ʃen Grundsatz folgend die Leistuŋ einheitlich in Watt bemessen wird. Für den Durchʃnittsmenʃen ist es natürlich immer noch etwas umʃtändlich, aber gleichwohl fiel anʃaulicher, sich forzuʃtellen, dass sein Fahrzeug fon 220 Pferden gezogen wird, als sich forzuʃtellen, dass sein Fahrzeugmotor 155 Kilowatt leistet. Zur besseren Fereinbarkeit mit den umliegenden Ländern habe Schweden sogar den auf sein Inland beʃräŋkten Liŋksferkehr auf den allgemein üblichen Rechtsferkehr umgeʃtellt, so dass es seither bei der Fahrt über die Landesgrenze keines Umʃtelluŋsaufwandes mehr bedarf. ʃliesslich empfehlen die Begeisterten den Unwilligen, sich den Text einfach mit geʃlossenen Augen laut forzulesen, dann würden sie mit eigenen Ohren hören, dass der geʃprochene Text in der ʃprechʃreibuŋ genau gleich tönt und lautet wie in der alten Rechtʃreibuŋ. Zudem komme ʃprache fon ʃprechen und nicht fon ʃreiben. Darum sei das geʃprochene Wort das Erste, das Original, die ʃrift sei erst das Zweite, nur eine Ableituŋ. Die Kälte lasse das Wasser gefrieren, nicht die fon der Wetterfrau oder fom Wettermann in welcher Masseinheit auch immer aufgezeichnete Temperaturangabe.

Wie sie denn mit geʃlossenen Augen einen Text lesen können sollten, fragen zum Teil missmutig zum Teil ganz belustigt über diese unsinnige Empfehluŋ die Unwilligen die Begeisterten. Sie fergessen darob, dass sie forhatten, aus dem Praxistest auszuʃteigen. Der Ockham’ʃe Grundsatz habe zwar etwas für sich, es sei aber nicht leicht, sich fon der gewohnten Rechtʃreibuŋ zu trennen. Bis zum 1. Januar 2030 beʃräŋke sich die Trennuŋ ohnehin nur auf das, was in e-Melduŋen, in Kurznachrichten und in anderen modernen Kommunikationsmitteln geʃrieben und getippt werde, in der ganzen übrigen ʃriftlichkeit könnten die Unwilligen ihre Forliebe für die deutʃe Rechtʃreibuŋ weiterhin foll ausleben, entgegnen die Begeisterten. Leicht sei die Trennuŋ in der Tat nicht. Leichter werde sie aber nie. Im Gegenteil. Je mehr Zeit fergehe, um so ʃwieriger werde die Umʃtelluŋ fon der Rechtʃreibuŋ auf die ʃprechʃreibuŋ. Darum lieber heute als morgen.

Fon den Praxistesterinnen und Praxistestern, die wegen des v-Ferlustes unwillig geworden sind, halten zwei die hier ferwendete ʃreibweise nach wie for für ferrückt, hirnferbrannt und unfernünftig und ferlassen das fünfte ʃtockwerk. Alle anderen ferbleiben und ʃicken sich an, ferʃiedene Kurznachrichten in die Welt zu fersenden. Zum Beiʃpiel : „Fiele Grüsse aus unserem ferregneten Urlaub“ oder „Fierundfierzig fergnügte Forellen fersuchen, fier Fiʃerinnen und Fiʃer zur Ferzweifluŋ zu briŋen.“

Hören for dem ʃreiben

Da ʃprache fon ʃprechen kommt, ʃteht am Anfaŋ der geʃprochene Laut und nicht der geʃriebene Buchʃtabe. Damit wir den geʃprochenen Laut hören, müssen wir hinhören und nicht Buchʃtaben anʃauen. Im fünften ʃtockwerk geben darum die Praxistesterinnen und Praxistester nur den gehörten Fielfrass-f-Laut mit dem Buchʃtaben f wieder; sie ersetzen nicht blindliŋs in allen Fällen den Buchʃtaben „v“ ungehört einfach durch ein „f“.

Bei der Betrachtuŋ ihrer selbst for dem ʃpiegel im Forraum des fünften ʃtockwerkes sehen sie, dass sie den Fielfrass-f-Laut dadurch bilden, dass sie Luft aus der Luŋe durch einen feinen, zwiʃen der Unterlippe und den oberen Zähnen geformten waagrechten ʃpalt hindurch ins Freie entlüften; nur Luft; – mehr nicht. ʃprechen sie aber daraufhin ihr ʃpiegelbild mit einem Vasco-da-Gama-v-Laut an, etwa wenn sie „Vase“ sagen, merken sie, dass sie wiederum, aber etwas weniger, Luft aus der Luŋe durch einen feinen, zwiʃen der Unterlippe und den oberen Zähnen geformten waagrechten ʃpalt hindurch ins Freie entlüften, zusätzlich aber noch mit ihren ʃtimmbändern im Kehlkopf hinten ʃtimme dazu geben, wie andere Leute zum Kuchen noch Sahne dazu geben. Diese dazu gegebene ʃtimme ist es, die den ʃtimmhaften Vasco-da-Gama-v-Laut fom ʃtimmlosen Fielfrass-f-Laut unterʃeidet.

So ferbriŋen die Praxistesterinnen und Praxistester fiel Zeit im fünften ʃtockwerk mit Unterʃeiduŋsübuŋen und ʃreiben „Violinistin und Violinist“, „ferʃiedene Varianten“, „Vulkan“, „Fergissmeinnicht“ und „ fierundzwanzig Feilchen“ und zum Schluss : „ʃlafwandlerinnen und ʃlafwandler wandeln heute in der ʃlafwandelhalle und träumen fon der ʃlafwandelhallenmeisterschaft.“

Wendeltreppenʃteigen

Nachdem sie so einen Monat im fünften ʃtockwerk geübt haben und nun virtuos den ʃtimmhaften Vasco-da-Gama-v-Laut fom ʃtimmlosen Fielfrass-f-Laut zu unterʃeiden fermögen, ʃteigen die Praxistesterinnen und Praxistester

/Sprix-1-17/

7. Mai 2020 / RT

 

am Freitag, dem 5. Juni 2020 auf der Wendeltreppe hinauf in das

das sechste ʃtockwerk, wo die Philosophie griechiʃ wird und
die Mathematik und der Rhythmus deutʃ werden

Sind Physik und Mathematik
heute noch im Rhythmus ?

Sind Fysik und Matematik
heute noch im Rytmus ?

Einen Fielfrass-f-Laut fernehmen die Praxistesterinnen und Praxistester beim aufmerksamen Zuhören auch dann, wenn sie das Buchʃtabenpaar „ph“ in Wörtern wie „Telephon“, „Mikrophon“, „Symphonie“, „Physikʃtunde“, „Orthographieregeln“ oder „Geographieatlas“ ausʃprechen. Diese und andere Wörter mit „ph“ kommen aus ferʃiedenen Wissenʃaften und Fachʃprachen, wurden fon gebildeten Kreisen aus der lateiniʃen ʃprache in die deutʃe ʃprache eingeführt und werden seit alters, so wie bereits fon den alten Römerinnen und den alten Römern, mit „ph“ geʃrieben. Um aller Welt kund zu tun, dass sie wissen, dass diese Wörter aus der lateiniʃen ʃprache ʃtammen und zum Kernkulturgut der Menʃheit gehören, ʃreiben diese gebildeten Kreise diese geʃeiten Wörter nach wie for mit „ph“, und driŋen darauf, dass auch alle anderen Kreise das tun, obwohl diese Wörter mit „f“ geʃrieben genau gleich tönen und aus diesem Grunde zum Beiʃpiel fon allen ʃpaniʃen Kreisen mit „f“ geʃrieben werden.

Gebildete römiʃe Kreise haben das Kernkulturgut der Menʃheit nicht selber erfunden und erʃaffen, sondern es zusammen mit den entʃprechenden geʃeiten Wörtern wie „Philosophie“ und „Metaphysik“ fon den Griechinnen und Griechen aus Griechenland eingeführt. Um aller Welt kund zu tun, dass sie wussten, dass diese Wörter aus der griechiʃen ʃprache ʃtammen und zum Kernkulturgut der Menʃheit gehören, haben diese gebildeten römiʃen Kreise diese geʃeiten Wörter mit „ph“ geʃrieben, obwohl die Römerinnen und Römer selber in ihrem Buchʃtabenkasten ein „f“ gehabt hätten, wie die lateiniʃen Wörter „familia“ für die „Familie“ und „filia“ und „filius“ für die „Tochter“ und den „Sohn“ zeigen, und obwohl die Griechinnen und Griechen selber in ihrem Buchʃtabenkasten ein unserem „f“ entʃprechendes „φ“ (genannt „Phi“) hatten, welches den Fielfrass-f-Laut wiedergab, und sie selber „φιλοσφία“ für „Philosophie“ und „μεταφυσική“ für „Metaphysik“ mit ebendiesem „φ“ – und nie und nimmer mit einem römiʃen „ph“ – ʃrieben.

Mögen gebildete Kreise weiterhin in geʃeiten Wörtern am Buchʃtabenduo „ph“ festhalten, ʃpricht für die noch weiter in das griechiʃe Altertum zurück gebildeten Praxistesterinnen und Praxistester nichts dagegen und alles dafür, – aus der Überleguŋ, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, – „Filosofie“ und auch „Metafysik“ wie die Griechen mit „f“ zu ʃreiben, ebenso die anderen geʃeiten Wörter wie „Telefon“, „Mikrofon“, „Symfonie“, „Fysikʃtunde“, „Orthografieregeln“ oder „Geografieatlas“.

Dann ʃwärmt eine musikaliʃe Praxistesterin oder ein musikaliʃer Praxistester in einer e-Melduŋ einer alten Nachbarin oder einem alten Nachbarn fon einem Symfonieorchester, das mit seinen sfäriʃen Kläŋen die Zuhörerinnen und Zuhörer in metafysiʃe Zuʃtände fersetzt haben soll. Andere beʃreiben in Kurznachrichten die Fänomene, die ihnen während der ʃulzeit in Fysikʃtunden forgeführt worden waren. Bis gegen Sonnenuntergaŋ üben sie sich im Übergaŋ fon der Rechtʃreibuŋ zur ʃprechʃreibuŋ.

Etwas betreten ʃauen die Praxistesterinnen und Praxistester einander doch an, als die oder der Musikaliʃe ihnen sagt, die alte Nachbarin oder der alte Nachbar hätte ihr oder ihm gerade eine laŋe e-Antwort gesandt und ʃreckliches gemeldet. Was denn ʃreckliches geʃehen sei, fragen die Umʃtehenden.

Die oder der Musikaliʃe liest die laŋe e-Antwort for : „Dass Du an Deine alte Nachbarin oder Deinen alten Nachbarn gedacht und mir heute Nachmittag in einer e-Melduŋ so begeistert fon Deinem Besuch des Symfonieorchesters berichtet hast, hat mich überaus gefreut. Deine e-Melduŋ hat mich zum ʃmunzeln gebracht, was jedoch nicht ohne Folgen blieb. Als ehemalige Kindergärtnerin oder ehemaliger Kindergärtner bin ich ja einiges gewohnt. Nicht so abgehärtet erwies sich jedoch eine ehemalige Turnlehrerin oder ein ehemaliger Turnlehrer eines Gymnasiums, mit der oder dem ich auf der Veranda gerade Tee getruŋken habe. Was es da zu ʃmunzeln gäbe, fragte sie oder er, als sie oder er mich Deine e-Melduŋ über die metafysiʃe Zuʃtände bewirkenden sfäriʃen Kläŋe eines Symfonieorchesters lesen sah. Da habe ich die alt-Turnlehrerin oder den alt-Turnlehrer einen Blick auf Deine sonderliche Melduŋ werfen lassen, worauf sich diese oder dieser über das „Metafysiʃe“, das „Sfäriʃe“ und das „Symfonieorchester“ derart aufgeregt hat, dass sie oder er in eine gefährliche Atemnot geraten ist. Erst als ich die ehemalige Griechiʃlehrerin oder den ehemaligen Griechiʃlehrer des gleichen Gymnasiums herbeitelefoniert habe und diese oder dieser meinem um Atem riŋenden Gast fersichert hat, dass sogar die alt-Griechinnen und alt-Griechen „metafysiʃ“ und „sfäriʃ“ und „Symfonieorchester“ mit einem „f“ geʃrieben haben, hat sich die alt-Turnlehrerin oder der alt-Turnlehrer beruhigt und hat sich ihr oder sein Zuʃtand ferbessert.

Zu dritt haben wir nun auf der Veranda Tee getruŋken. Die alt-Turnlehrerin oder der alt-Turnlehrer hat einen ʃluck Tee genommen und sich dabei überlegt, dass sie oder er also ihr oder sein ganzes Leben laŋ wie in einem Wahn „metafysiʃ“ und „sfäriʃ“ und „Symfonieorchester“ ganz ungriechiʃ wie eine alte Römerin oder ein alter Römer mit „ph“ geʃrieben habe. Diese Überleguŋ hat sie oder ihn wieder solcherweise erregt, dass sie oder er erneut in Atemnot zu geraten drohte. Eilends habe ich die ehemalige Gesaŋslehrerin oder den ehemaligen Gesaŋslehrer des gleichen Gymnasiums aufgeboten. Diese oder dieser hat die beruhigende Wirkuŋ des Gesaŋs gekannt und hat mit ein paar mit sanfter ʃtimme forgetragenen Liedern die Gesundheit der Turnerin oder des Turners wiederherzuʃtellen und zu festigen fermocht.

Zu fiert haben wir nun auf der Veranda Tee getruŋken und uns über den Wahn gewundert, aus dem Griechiʃen ʃtammende Wörter mit zwei Buchʃtaben zu ʃreiben, wo doch die alt-Griechinnen und alt-Griechen dies mit dem einen Buchʃtaben „f“, den wir in unserem Buchʃtabenkasten ja selber auch haben, taten. Zufälligerweise ist dann auch noch die ehemalige Geʃichtslehrerin oder der ehemalige Geʃichtslehrer des gleichen Gymnasiums mit dem Fahrrad forbeigefahren, ist auch zum Tee auf die Veranda gerufen worden, hat sich unseren Bericht über unsere eben gemachten Erfahruŋen mit der „Metafysik“ und den „Sfären“ und einem „Symfonieorchester“ und dem ph-Wahn, dem alle erlegen waren, angehört und hat laut zu überlegen begonnen, ob sie oder er nun wohl gehalten sei, das „Dr. phil.“ auf ihrem oder seinem Briefkopf in ein „Dr. fil.“ umzuwandeln. Sie oder er ist dann aber zum ʃluss gekommen, dass dies nicht angebracht sei, da „Doctor philosophiae“ Wörter aus einer Fremdʃprache, aus dem Lateiniʃen, seien, und ins Deutʃe eingewanderte Wörter aus Fremdʃprachen so geʃrieben werden, wie sie in ihrer Heimat geʃrieben werden. Die alt-Turnlehrerin oder der alt-Turnlehrer hat dann aber eingewendet, dass die Abkürzuŋ auch für „Doktor der Filosofie“ ʃtehen könne, was aber deutʃe Wörter seien und als „Dr. fil.“ abgekürzt würden. Als ehemalige Kindergärtnerin oder ehemaliger Kindergärtner habe ich über dieses kindiʃe ʃtreitgeʃpräch herzhaft gelacht. Die beiden ʃtreithennen oder ʃtreithähne oder die beiden fom ʃtreitenden Geflügel beendeten ʃliesslich diese akademiʃe Diskussion mit dem Ergebnis, dass eine Abkürzuŋ ausgeʃriebene Wörter abkürze : seien die ausgeʃriebenen Wörter lateiniʃ, also „Doctor philosophiae“, dann sei die Abkürzuŋ „Dr. phil.“, seien die ausgeʃrieben Wörter hingegen deutʃ, also „Doktor der Filosofie“, dann sei die Abkürzuŋ „Dr. fil.“ Dann kamen sie zu wunderlichen Festʃtelluŋen : Da nun aber abgekürzte Wörter gerade nicht ausgeʃrieben werden, wisse nur die ʃreibende Person, wie sie in ihren Gedaŋken die Wörter ausgeʃrieben gedacht, dann aber eben nicht ausgeʃrieben, sondern abgekürzt hat. Für eine aussenʃtehende Person sei es darum nicht möglich, zu sagen, die Abkürzuŋ müsse „phil.“ oder „fil.“ sein. Das Einzige was eine aussenʃtehende Person sagen kann, ist, dass „vil.“ eine unmögliche Abkürzuŋ ist, da man für diese Abkürzuŋ das entʃprechende Wort nicht einmal deŋken kann; und was nicht gedacht werden kann, kann auch nicht abgekürzt werden. Die alt-Geʃichtslehrerin oder der alt-Geʃichtslehrer hat sich jedenfalls forgenommen, in der nächsten ʃriftlichen Einladuŋ zum geʃichtsfilosofiʃen Kränzchen, dessen einladendes Mitglied sie oder er ist, das Wort „geʃichtsfilosofiʃ“, das im lateiniʃen Wörterbuch nicht forkommt, mit zwei f zu ʃreiben. Zum Wahn, aus dem Griechiʃen ʃtammende Wörter mit zwei Buchʃtaben zu ʃreiben, wo doch die alt-Griechinnen und alt-Griechen dies mit dem einen Buchʃtaben „f“ taten, hat die alt-Geʃichtslehrerin oder der alt-Geʃichtslehrer an uns Tee triŋkende gewandt gemeint, das sei ja ein ganz harmloser Wahn gewesen ferglichen mit den fielen Wähnen, die in der Fergaŋenheit die Menʃen wegen nichts und wieder nichts haben Kriege führen und einander tot ʃlagen lassen.

Zu fünft haben wir nun auf der Veranda Tee getruŋken, als zufälligerweise auch noch die ehemalige Mathematiklehrerin oder der ehemalige Mathematiklehrer des gleichen Gymnasiums forbeiʃpaziert ist. Auch sie oder er wurde ein Teegast und in die Geʃehnisse eingeweiht, hat sich aber als alt-Mathematiklehrerin oder alt-Mathematiklehrer weniger für Buchʃtaben, sondern mehr für Zahlen interessiert, und erklärt, solche Probleme habe er mit ihren oder seinen Quadratwurzeln nicht.

Zu sechst haben wir nun auf der Veranda Tee getruŋken. ʃtolz hat dabei die alt-Mathematiklehrerin oder der alt-Mathematiklehrer sein oder ihr neues Mobiltelefon herforgeholt und der ʃtaunenden und Tee triŋkenden alt-Lehrerʃaft forgeführt, was sie oder er mit diesem neuesten Modell alles anʃtellen könne. Das hat uns alle aber bald gelaŋweilt, wir haben uns dann entʃpannt über normale Diŋe unterhalten, bis sich bei Sonnenuntergaŋ meine Gäste fon mir ferabʃiedet haben.“

Aufgrund dieses Forfalls wird den Praxistesterinnen und Praxistestern bewusst, dass sie mit e-Melduŋen, Kurznachrichten und anderen Kommunikationsmitteln, die sie in der beginnenden Lautʃreibuŋ in die Welt hinaus senden, die Empfäŋerinnen und Empfäŋer in Lebensgefahr briŋen können. Sie nehmen sich darum for, derartige Texte nur an Personen zu senden, die sie für seeliʃ-geistig gefestigt halten und fon denen sie annehmen, dass sie über eine gewisse alfabetiʃe Widerʃtandskraft ferfügen, und für alle Fälle ihre Texte mit der Warnuŋ : „Achtuŋ ! Diese Buchʃtaben können ihre Gesundheit gefährden !“ einzuleiten.

Ein Buchʃtabe für einen Laut

Wo sie bisher Wörter mit x Buchʃtaben geʃrieben haben, ʃreiben die Praxistesterinnen und Praxistester die gleichen Wörter nun mit x-1 Buchʃtaben, also „Telefon“, „Symfonie“ und „Fysikʃtunde“, in Fällen wie „Filosfie“ und „Fotografie“ sogar nur mit x-2 Buchʃtaben, und rechnen aus, dass auf diese Weise in einem durchʃnittlichen Buch wohl eine ganze Seite Druckerʃwärze eingeʃpart werden kann; „Fosfatgeografie“ nicht eingerechnet. Angesichts der zu Ende gehenden Bodenʃätze und anderer Forräte ist das nicht fiel, aber mehr als nichts, und mehr als nichts ist immerhin etwas.

Ein Buchʃtabe für einen Laut

Wie die Praxistesterinnen und Praxistester eifrig Übuŋstexte ferfassen, sich dabei an den Grundsatz „Ein Buchʃtabe für einen Laut“ halten und „Fänomen“ ʃreiben und „Fantasie“ und „fasenweise“, kommt ihnen wieder die laŋe e-Antwort der Nachbarin oder des Nachbars in den Sinn, die ihnen die oder der Musikaliʃe forgelesen hat. Darin kam doch eine alt-Mathematiklehrerin oder ein alt-Mathematiklehrer for, die oder der ihnen nun keine Ruhe lässt. Sie fragen sich, was denn das „th“ in „Mathematik“ soll. Sie hören sich gut zu, wenn sie „Mathematik“ ausʃprechen, und kommen zum ʃluss, dass die beiden Buchʃtaben „th“ im Wort „Mathematik“ genau gleich ausgeʃprochen werden wie der Buchʃtabe „t“ im Wort „Mathematik“. Sie machen den gleichen Test auch in weitern Wörtern wie „Theater“, „Thema“ und den „95 Thesen Luthers“. Und siehe da, – nein, höre da : In allen Fällen werden die beiden Buchʃtaben „th“ genau gleich ausgeʃprochen wie der einzelne Buchʃtaben „t“. Ob „th“ oder „t“, immer hören sie ein und denselben Laut, eine T-Detonation. Es ʃeint ihnen darum nur folgerichtig, diese T-Detonation in allen Fällen mit ein und demselben Buchʃtaben „t“ wiederzugeben und „Matematik“, „Teater“, „Tema“ und „95 Tesen Luthers“ zu ʃreiben.

„Halt !“, ruft da eine zweifelnde Praxistesterin oder ein zweifelnder Praxistester, „Übuŋsobjekte sind die Wörter der deutʃen ʃprache. Wörter aus fremden ʃprachen nehmen am Praxistest nicht teil.“ – Das gibt den Praxistesterinnen und Praxistestern im ersten Moment zu deŋken. „Wer sagt denn, dass ‚Matematik’, ‚Teater’, ‚Tema’ und ‚Tesen’ Fremdwörter sind ?“, fragt eine oder einer. „Es gibt keine ʃtelle, die das ferbindlich festlegt.“ – „Das sieht man ihnen doch auf den ersten Blick an“, entgegnet die Zweiflerin oder der Zweifler. „Wörter, die ein ‚th’ enthalten sind Fremdwörter aus dem Griechiʃen.“ – „ʃprache kommt doch fon ʃprechen“, meint eine andere oder ein anderer, „und nicht fon Lesen. Entʃeidend ist darum nicht, wie die geʃriebenen Wörter aussehen, sondern wie die ausgeʃprochenen Wörter tönen; entʃeidend ist nicht, ob man den geʃriebenen Wörtern die Fremdheit ansieht, sondern ob man die Fremdheit den ausgeʃprochen Wörtern anhört. Ein Wort, das unauffällig zusammen mit den anderen im ʃprudelnden Fluss des Geredes daherkommt, wie die anderen Wörter Beweguŋen und Wenduŋen mitmacht und fon den meisten Leuten auf Anhieb ferʃtanden wird, wird fon uns nicht als Fremdwort empfunden. ‚Dendrochronologie’ ist so ein Fremdwort, und meinetwegen ‚Physiotherapeutin und Physiotherapeut’ und ‚Thermodynamik’. Ferglichen damit hören sich ‚Matematik’, ‚Teater’, ‚Tema’ und ‚Tesen’ wie einheimiʃe Wörter an.“ – „Wenn wir auf das Empfinden abʃtellen“, wendet nun die Zweiflerin oder der Zweifler entsetzt ein, dann empfinden die einen so und die anderen anders. Dann halten die einen ein und dasselbe Wort für ein Fremdwort und die anderen für ein einheimiʃes Wort. Da ist doch keine Ordnuŋ !“- „So ist das Leben !“, meint nun eine andere oder ein anderer, „und die ʃprache ist etwas Lebendiges. Die alten Griechinnen und die alten Griechen haben in ihrem Wort ‚μαθηματική’ für ‚Mathematik’ zwiʃen ihrem Buchʃtaben ‚θ’ oder ‚Theta’ für unsere beiden Buchʃtaben ‚th’ und ihrem Buchʃtaben ‚τ’ oder ‚Tau’ für unseren Buchʃtaben ‚t’ einen Unterʃied gemacht. Beide, Theta und Tau, ʃtanden für einen T-Detonations-Laut. Ihrer Theta-Detonation haben die alten Griechinnen und die alten Griechen einen Hauch-h-Laut folgen lassen, ihrer Tau-Detonation hingegen hauchten sie nicht noch einen Hauch-h-Laut hinterher. Während die alten Griechinnen und die alten Griechen auf diese Unterʃeiduŋ zwiʃen dem Theta mit nachfolgender Hauchwolke einerseits und dem Tau ohne nachfolgende Hauchwolke anderseits Wert gelegt haben, ist uns heute in der deutʃen ʃprache diese Unterʃeiduŋ nicht mehr fon ausʃlaggebender Bedeutuŋ. Was für die alten Griechinnen und die alten Griechen ‚θύρα’ mit Theta für ‚Tür’ war, ʃreiben wir heute bedeŋkenlos ‚Tür’ mit dem einfachen Buchʃtaben ‚t’. Die alten Griechinnen und die alten Griechen haben den Wein meistens mit Wasser gemiʃt getruŋken, heute triŋken wir den Wein meistens ohne Wasser. So ist das Leben.“  Und so bleibt die Zweiflerin oder der Zweifler bei „Mathematik“, „Theater“, „Thema“ und „95 Thesen Luthers“, während die übrigen Praxistesterinnen und Praxistester in Zukunft „Matematik“, „Teater“, „Tema“ und „95 Tesen Luthers“ ʃreiben.

Damit wäre die Sache erledigt. Nun nimmt aber die Zweiflerin oder der Zweifler mit unterdrücktem Lächeln einen selbstgebacken Kuchen aus der Taʃe, ʃneidet ihn in fiele ʃtücke und bietet diese den Umʃtehenden an. Diese greifen daŋkend zu und beissen mit grossem Appetit in den Rha…, bis sie merken, dass sie den Anfaŋ des „Rhabarberkuchens“ mit den zwei Buchʃtaben „Rh“ ʃreiben, obwohl sie diesen nur mit einem einzigen Riesenrad-r-Laut ausʃprechen. „Wie wollt Ihr jetzt diesen ‚Rhabarberkuchen’ ʃreiben ?“, fragt die Zweiflerin oder der Zweifler rhetoriʃ, „und wie die ‚Rhapsodie’, den ‚Rheumatismus’ oder das ‚Rheuma’, den ‚Rhythmus’, das ‚Rhinozeros’ und meine ‚rhetoriʃe’ Frage ? Die alten Griechinnen und die alten Griechen haben diese Wörter mit dem Buchʃtaben ‚р’ für den Riesenrad-r-Laut begonnen und über dieses ‚р’ oder ‚Rho’ immer ihr griechiʃes Zeichen für einen Hauchlaut-h-Laut geʃrieben.“ Die Praxistesterinnen und Praxistester deŋken nach, wiederholen diese Wörter ein paar Mal, hören, dass sie immer nur einen Riesenrad-r-Laut ohne nachfolgende Hauchwolke ausʃprechen, und befinden, dass diese Wörter keine Fremdwörter mehr, sondern ʃon laŋe heimiʃ geworden sind, und sie darum wie die ʃpanierinnen und die ʃpanier in Zukunft den Buchʃtaben „h“ getrost weglassen werden, mit Ausnahme des „Rhinozeros“, das sei ein Fremdwort geblieben, da es dafür das deutʃe Wort „Nashorn“ gäbe. Auch wollen sie weiterhin „Oto-Rhino-Laryngologistin oder Oto-Rhino-Laryngologist“ ʃreiben; auch das sei ein Fremdwort geblieben, das im Deutʃen mit „Hals-, Nasen- und Ohrenärztin oder Hals-, Nasen- und Ohrenarzt“ wohl ferʃtändlich übersetzt sei. Es sei aber nicht auszuʃliessen, dass das etwas geheimnisfoll kliŋende „Oto-Rhino-Laryngologie“ auf die Patientinnen und Patienten einen günstigen und heilsamen Placebo-Effekt habe, den sie um der allgemeinen Gesundheit willen keinesfalls durch eine Änderuŋ zunichte machen wollen.

Wendeltreppenʃteigen

Nach Ablauf des Monats fühlen sich die Praxistesterinnen und Praxistester fertraut genug mit der ʃprechʃreibuŋ, die sie im sechsten ʃtockwerk eingeübt haben, wo die Filosofie griechiʃ wird und die Matematik und der Rytmus deutʃ werden, um über die Wendeltreppe einen weiteren Aufʃtieg zu wagen,

/Sprix-1-18/

5. Juni 2020 / RT

 

und erreichen am Sonntag, dem 5. Juli 2020

das siebente ʃtockwerk, wo „v“ drauf ʃteht, wenn „v“ drin ist

Wasser

Vasser

Im siebenten ʃtockwerk erinnern sich die Aufgeʃtiegenen daran, dass sie bei der Betrachtuŋ ihrer selbst for dem ʃpiegel im forraum des fünften ʃtockwerkes unten gesehen haben, dass sie den Fielfrass-f-Laut dadurch bilden, dass sie Luft aus der Luŋe durch einen feinen, zwiʃen der Unterlippe und den oberen Zähnen geformten waagrechten ʃpalt hindurch ins Freie entlüften; nur Luft; – mehr nicht. Haben sie aber daraufhin – so erinnern sie sich weiter – ihr ʃpiegelbild mit einem Vasco-da-Gama-v-Laut angeʃprochen, etwa wenn sie „Vase“ oder „Violinistin und Violinist“ oder „Varianten“ oder „Vulkan“ gesagt haben, haben sie gemerkt, dass sie wiederum, aber etwas weniger, Luft aus der Luŋe durch einen feinen, zwiʃen der Unterlippe und den oberen Zähnen geformten waagrechten ʃpalt hindurch ins Freie entlüften, zusätzlich aber noch mit ihren ʃtimmbändern im Kehlkopf hinten ʃtimme dazu geben, wie andere Leute zum Kuchen noch Sahne dazu geben. Diese dazu gegebene ʃtimme ist es, die den ʃtimmhaften Vasco-da-Gama-v-Laut fom ʃtimmlosen Fielfrass-f-Laut unterʃeidet.

Daŋk dieser Erinneruŋ fällt den Aufgeʃtiegenen, die nun geübt sind, sich selber und allen andern beim ʃprechen genau zuzuhören, auf, dass sie den ʃtimmhaften Vasco-da-Gama-v-Laut nicht nur für den Buchʃtaben „v“ in Wörtern wie „Vase“ oder „Violinistin und Violinist“ oder „Varianten“ oder „Vulkan“ oder eben „Vasco-da-Gama“ ausʃprechen, sondern auch in Wörtern wie „Wasser“, „Wackelkontakt“, „Wintersonnenwende“ und „Wuʃelkopf“.

Aus der Überleguŋ, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, ferzichten sie auf das irremachende Nebeneinander zweier Buchʃtaben für den gleichen Laut, und geben den Vasco-da-Gama-v-Laut durchvegs mit dem Buchʃtaben „v“ vieder. Den Buchʃtaben „w“ fervenden sie für den Vasco-da-Gama-v-Laut nur noch, venn sie in Personennamen vie „Waltraud“ oder „Walter“, „Wilhelmine“ oder „Windischgrätz“ und Ortsnamen vie „Wilhelmshaven“ oder „Wittemberg“ einen Vasco-da-Gama-v-Laut hören. Also „Wien bleibt Wien.“

Der Buchʃtabe „w“ sieht sich etvas an den Rand gedräŋt und überlegt sich, dass er sich veiterbilden und entvickeln muss, venn er veiter kommen soll. Er fertieft sich zum Beiʃpiel in die Familiengeʃichten der „Weiss“ und derer „von Windischgrätz“. Er lernt Fremdʃprachen und reist in die Fremde, nach Westminster, New York und Waterloo. Sogar nach Woronesch unternimmt er eine Forʃuŋsreise, ʃtellt aber ernüchtert fest, dass er dort nicht gefragt ist. Lebensfroh und lebensvillig lässt er sich aber nicht irremachen und fertieft sich in Verbeunterlagen für Hotels und Reisen, die er aus Western Australia und New South Wales hat kommen lassen.

Derveil entʃtehen unter den Händen der Praxistesterinnen und Praxistester im siebenten ʃtockverk Gebilde vie : „So vaʃen nun Vaʃvichtelveiber und Vaʃvichtelmänner die veisse Väʃe mit vohlig varmem Vasser und verveissen veise Vühlmäuse, vas vohl Vervölfe mit ihrem Geheul veiland bevirken vollten.“ – „ʃlafvandlerinnen und ʃlafvandler vandeln heute in der ʃlafvandelhalle und träumen fon der ʃlafvandelhallenmeisterschaft.“

Das sei nun aber virklich bizarr, meinen beim Anblick dieser Vörter ein paar vieder ganz unvillig gevordene Aufgeʃtiegene, vundern sich über das Ergebnis ihrer ʃreibübuŋ und fragen sich ganz besorgt, vohin das vohl alles hinführen möge.

Begeisterte Ferfechterinnen und begeisterte Ferfechter der ʃprechʃreibuŋ entgegnen ihnen darauf, diese ʃreibuŋ sei nur logiʃ, venn vir dem Grundsatz folgen und jeden Laut mit einem Buchʃtaben viedergeben. Es sei doch im Gegenteil bizarr, meinen die Begeisterten, dass vir bisher ein und denselben Vasco-da-Gama-v-Laut einmal mit dem Buchʃtaben „v“ vie in „Vehikel“ und einmal mit dem Buchʃtaben „w“ vie in „Wasserwelle“ viedergegeben haben; und das Bizarrste daran sei, dass vir uns über diese unsere Unlogik nicht gevundert hätten. Sie, die Begeisterten, vürden sich gerade darüber vundern, dass sich die Unvilligen nun über das Ergebnis der ʃprechʃreibuŋ vundern, die doch nichts anderes sei als das logiʃe Ergebnis des Grundsatzes, dass ein und derselbe Laut mit ein und demselben Buchʃtaben viedergegeben verde. Damit verde doch nichts anderes als der Normalzuʃtand erreicht, und darüber solle man sich doch freuen und nicht vundern.

Diese ʃprechʃreibuŋ führe aber zu einer bedauerlichen kulturhistoriʃen Ferarmuŋ, entgegnen die Unvilligen. Aus der unterʃiedlichen ʃreibuŋ, einmal mit „w“ und einmal mit „v“ könne doch jetzt die Geʃichte und die Herkunft der Vörter abgelesen verden. ʃon an ihrem Äusseren sei Vörtern vie „Wald“, „Wasser“, „Weisswurst“, „Winter“ und „Wonnemonat“ anzusehen, dass sie aus dem deutʃen Vortʃatz ʃtammen, vohingegen das Vort „Vagabund“ ʃon mit seinem „V“ zu erkennen gibt, dass es fom lateiniʃen Vort „vagabundus“ kommt, oder „Vehikel“ fon „vehiculum“ oder „Vokabel“ fon „vocabulum“.

Veit her sei es, viderʃprechen dem die Begeisterten, mit dem kulturhistoriʃen Reichtum und der Vortgeʃichtsträchtigkeit der Fervenduŋ der Buchʃtaben „w“ und „v“ für ein und denselben Vasco-da-Gama-v-Laut gar nicht. Das sei nur ʃon daran ersichtlich, dass das lateiniʃe Vort für fergorenen Traubensaft „vinum“ ist, vas nach der kulturhistoriʃen Teorie und Konsorten zu einem Vort mit „v“, also zu „vein“ hätte führen müssen; vie vir alle vissen, vird aber in der deutʃen Rechtʃreibuŋ „Wasser gepredigt und Wein mit ‚W’ getruŋken“. Und so alt sei dieser Buchʃtabe „w“ auch vieder nicht, verde doch in den im 10. Jahrhundert niedergeʃriebenen Merseburger Zauberʃprüchen „Wodan“ noch mit zvei „u“, also „uuodan“ geʃrieben; erst aus der Zusammenʃreibuŋ dieser beiden „u“ habe sich dann ʃpäter der Buchʃtabe „w“ ergeben. Vas darum als kulturhistoriʃer Reichtum dargeʃtellt verde, sei bei genauer Betrachtuŋ nichts anderes als eine kulturhistoriʃe Fernebeluŋ.

Zudem müsse immer vieder an William Ockhams Grundsatz erinnert verden, dass etvas nicht mit grösserem Aufvand getan verden sollte, vas auch mit kleinerem Aufvand getan verden kann . Vir Menʃen machen uns unsere Gedaŋken. Aufgabe der Vörter und Vorte sei es, unsere Gedaŋken ein für allemal für ihre allfällige Viederfervenduŋ in der Zukunft zu fassen, zu festigen, festzuhalten, damit vir die gleichen Gedaŋkengäŋe nicht immer und immer vieder fon neuem zurücklegen müssen. Diese Festiguŋ für die Viederfervenduŋ sei die Aufgabe der gedachten und geʃprochenen Vörter und Vorte. Eine ganz andere Aufgabe hätten hingegen die geʃriebenen Vörter. Deren einzige Aufgabe sei es, die einzelnen Laute, mit denen die gedachten Vörter ausgeʃprochen verden, Laut für Laut viederzugeben.

Keinesfalls hätten die geʃriebenen Vörter die vohl gut gemeinte Zusatzaufgabe, in ihrer ʃriftform auch noch Gedaŋken, und seien sie tatsächlich oder nur fermeintlich kulturhistoriʃ noch so vertfoll, mit zu befördern. Es sei ein Irrtum, zu glauben, mit einer kulturhistoriʃen Anreicheruŋ der ʃreibuŋ könnte etva die Zahl der Abiturientinnen und Abiturienten oder der Maturandinnen und Maturanden angehoben verden oder könnten aus der Fremde eingevanderte, fremdʃprachige Menʃen besser in unsere Gesellʃaft eingegliedert oder eingesellt verden. Es vürde nicht nur zu nichts führen, sondern väre sogar unter allen Gesichtspuŋkten unzveckmässig, sollte eine Vetterʃtation, die die alleinige Aufgabe habe, dreimal täglich zuferlässig die Aussentemperatur aufzuzeichnen, noch mit der Zusatzaufgabe betraut verden, mit ihren Temperaturaufzeichnuŋen den Fremdenferkehr zu fördern oder etvas gegen die Klimaervärmuŋ zu unternehmen.

Bei der Lautviedergabe gelte allein der Grundsatz, dass ein Laut ʃtets mit dem gleichen Buchʃtaben viedergegeben verde. Dieser Grundsatz lasse es aber nicht zu, die ʃriftliche Viedergabe eines Vortes mit kulturhistoriʃen Zusatzangaben anzureichern. Leute, die die deutʃe ʃprache als Fremdʃprache lernen, können es dem einzelnen Buchʃtaben eines Vortes nicht ansehen, ob dieser nur den entʃprechenden Laut viedergibt, oder ob er auch noch Träger einer kulturhistoriʃen Zusatzangabe ist. Deutʃʃprachige Kinder, die die deutʃe ʃprache zu ʃreiben lernen, vissen nicht, ob sie einen einzelnen Laut eines Vortes nur mit dem entʃprechenden Buchʃtaben viedergeben müssen, oder ob sie auch noch kulturhistoriʃe Zusatzangaben beizufügen haben. Die deutʃe ʃprache habe sich für ihre ʃriftliche Viedergabe gegen die Zeichenʃrift der Chinesinnen und Chinesen und für die Lautʃrift, also für den Grundsatz, dass ein Laut ʃtets durch ein und denselben Buchʃtaben viedergegeben verde, entʃieden. Vürden aber fon diesem Grundsatz Ausnahmen gemacht, begänne der andere Grundsatz zu virken, dass man der oder dem nicht glaube, die oder der einmal lüge, auch venn sie oder er die Vahrheit ʃpreche.

Der Übergaŋ fon der deutʃen Rechtsʃreibuŋ zur ʃprechʃreibuŋ erhöhe die Glaubvürdigkeit der deutʃen ʃprache und erleichtere damit das Erlernen der deutʃen ʃprache. In der sich globalisierenden Velt sei es aber in jeder Beziehuŋ nur fon Forteil, venn das Erlernen der deutʃen ʃprache für fremdʃprachige Personen erleichtert verde. Durch die Beʃräŋkuŋ auf den Grundsatz, dass ein Laut ʃtets durch ein und denselben Buchʃtaben viedergegeben verde, und durch den Ferzicht auf die kulturhistoriʃe Fernebeluŋ sei die Erleichteruŋ des Erlernens der deutʃen ʃprache durch fremdʃprachige Personen und die Erleichteruŋ des Erlernens des ʃreibens der deutʃen ʃprache durch deutʃʃprachige Kinder leicht zu erreichen. Der laŋfristige Gevinn rechtfertige den kurzfristigen Aufvand, der vährend der Zeit des Übergaŋs fon der deutʃen Rechtʃreibuŋ zur ʃprechʃreibuŋ entʃtehe.

Das möge ja alles zutreffen, meinen nun die vieder etvas veniger unvillig gevordenen, aber immer noch zagenden Aufgeʃtiegenen, aber der Anblick der Vaʃvichtelveiber, der Vaʃvichtelmänner und der Vervölfe und veiterer Vörter vürde ihnen doch zu ʃaffen machen und sie fervirren. Der Übergaŋ fon einem alten Zuʃtand zu einem neuen Zuʃtand briŋe ʃtets eine gevisse Beunruhiguŋ mit sich, fersuchen die Begeisterten die Zagenden zu beruhigen. Aus diesem Grunde vürden ja sie alle den Übergaŋ fon der deutʃen Rechtʃreibuŋ zur ʃprechʃreibuŋ nicht Knall auf Fall follziehen, sie vürden sich ja nicht mit dem Fahrʃtuhl in einem Aufzug fom scriptorium im Erdgeʃoss unten ins oberste ʃtockverk des Buchʃtabenhochhauses hinaufhissen, sondern ʃön laŋsam auf der Vendeltreppe fon einem ʃtockverk zum nächsthöheren hinaufʃteigen, sich in jedem ʃtockverk einen Monat der Angevöhnuŋ aufhalten und so den Übergaŋ in fielen kleinen erträglichen ʃritten durchführen. Zudem beʃräŋke sich der Übergaŋ forläufig auf den ʃriftferkehr mit Kurznachrichten, e-Melduŋen und anderen elektroniʃen Kommunikationsmitteln, und es könne sich jede und jeder über die Vendeltreppe ins scriptorium hinunter begeben und dort zur Erholuŋ in der gevohnten deutʃen Rechtʃreibuŋ ʃtundenlaŋ laŋe Briefe ʃreiben. Natürlich sei auch so der Übergaŋ mit seinen einzelnen Neueruŋen immer noch mit gevissen Überraʃuŋen und anfäŋlichen Ferunsicheruŋen ferbunden. Der Übergaŋ fon der deutʃen Rechtʃreibuŋ zur ʃprechʃreibuŋ sei darum mit der Zeit der Pubertät im Leben jedes einzelnen Menʃen zu fergleichen. Jede und jeder müsse in diesen saueren Apfel beissen, sei dann aber am Ende überglücklich, zu einer eindrucksfollen Frau oder zu einem ʃtattlichen Mann herangereift zu sein.

Vendeltreppenʃteigen

So tauʃen die Praxistesterinnen und Praxistester ihre Erfahruŋen und Gedaŋken aus. Sie haben es aber mit dem Aufʃtieg in das nächsthöhere ʃtockverk nicht eilig und ʃvaŋken zviʃen Besorgnis und Äŋstlichkeit auf der einen Seite und Neugier und Abenteuerlust auf der anderen Seite. ʃliesslich vollen sie doch vissen, vie es veiter geht, und ʃteigen

/Sprix-1-19/

5. Juli 2020 / RT

 

am Montag, dem 3. August 2020 auf der Vendeltreppe hinauf in

das achte ʃtockverk, vo das Glück ferʃlaŋkt

Glück

Glük

Nur ʃon beim Gedaŋken, dass sie sich nun oben im achten ʃtockverk befinden, vird ihnen etvas ʃvindelig und sie deŋken – und vissen nicht, varum, – an „Backʃtube“, „Vackelkontakt“ und „Bockbier“. In der Zviʃenzeit sind sie nun gevohnt, das Gedachte auch auszuʃprechen, und sie ʃprechen ʃön laŋsam : „Backʃtube“, „Vackelkontakt“ und „Bockbier“. Sie sind es nun aber auch gevohnt, sich selber beim Ausʃprechen zuzuhören, und dann das Ausgeʃprochene Laut für Laut aufzuʃreiben. Dabei verden sie ʃtutzig, das heisst hellhörig, und hören nun, dass sie in diesen Vörtern zvar ein Knallkörper-k ausʃprechen, dass sie aber fom Buchʃtaben „c“, den sie bisher in diesen Vörtern immer geʃrieben haben, nichts hören. Aus der Überleguŋ, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, ferzichten sie nun auf den nur irremachenden, aber nicht ausgeʃprochenen Buchʃtaben „c“ und ʃreiben vie geʃprochen : „Bakʃtube“, „muksmäuschenʃtill“, „Wakelkontakt“ und „Bokbier“, und natürlich auch „ʃtokverk“, „Glüksklee“ und „Lokvogel“.

Zum Frühʃtük ferʃluken sie nun ʃokolade in Moken und Broken, suchen quiklebendig ihr Glük in geʃtrikten Soken, lassen sich ins Trokene ferloken und ʃiken die Ziege oder den Ziegenbok durch die Lüke über die Brüke. – „Das sieht ja aus !“, meint eine zarte Seele. „Das sieht nur so aus ! Hören tut man nichts !“, entgegnet eine begeisterte Seele der zarten und rät ihr, sich diesen Satz einmal in der bisherigen deutʃen Rechtʃreibuŋ geʃrieben und einmal in der ʃprechʃreibuŋ geʃrieben laut forzulesen. Das tut die zarte Seele etvas zögernd zunächst, dann noch ein zveites Mal und gibt dann entgeistert zu ferʃtehen, dass sie nicht den geriŋsten Unterʃied höre. Das zeige nur, ervidert die begeisterte Seele, dass der Buchʃtabe „c“ in diesen Vörtern überflüssig sei und darum getrost veggelassen verden könne. Venn mit veniger Aufvand die gleiche Virkuŋ erzielt verden könne, vürden heute auf allen Gebieten des Lebens üppig gevachsene und aufgeblähte ʃtrukturen fereinfacht und ferʃlaŋkt. Dies entʃpreche auch dem Grundsatz William Ockhams, vonach etvas nicht mit grösserem Aufvand getan verden sollte, vas auch mit kleinerem Aufvand getan verden kann . Alle Leute vürden nach dem Glük ʃtreben. Aber varum sollten sie nach dem Glük mit „c“ ʃtreben, venn das Glük ohne „c“ genau gleich glüklich tönt. Nun fersucht auch die zarte Seele, ohne „c“ zu ʃreiben, und ʃikt sich an, das Märchen „Fom Ziklein und fom Böklein auf dem Veg ins Glük“ zu ferfassen. Zum ʃluss meint sie festʃtellen zu können : „Die Menʃen vären nicht glüklich, venn alle Menʃen glüklich vären.“

Die Tränen des „c“

Vie an ihren Pulten sitzend andere Praxistesterinnen und Praxistester sich in gleicher Veise üben, ʃpüren sie auf einmal unter ihren Füssen eine Nässe, ʃauen hinunter und gevahren ein Bächlein, das sich über den Boden des achten ʃtokverks aus einer Eke ʃläŋelt. Einsam und allein gelassen hat sich der Buchʃtabe „c“ in eine Eke ferzogen und ʃteht nun traurig dort und veint das Tränenbächlein. Varum er denn so veine, fragen ihn die Praxistesterinnen und Praxistester mitleidsfoll. „Man hat mir mein Glük geraubt“, antvortet der Buchʃtabe „c“ ʃluchzend. „Überhaupt habe ich nun fast nichts mehr zu tun und komme mir überflüssig for. Und alles nur vegen diesem blöden Ockham.“ Er solle sich ein Beiʃpiel am Buchʃtaben „w“ nehmen, fersuchen einige Praxistesterinnen und Praxistester ihn aufzumuntern. Dem „w“ sei es im siebenten ʃtokverk unten sogar noch ʃlimmer ergaŋen. Der vürde sich aber aufraffen, sich veiterbilden und entvikeln, sich in Familiengeʃichten fertiefen, Fremdʃprachen lernen und Forʃuŋsreisen in die veite Velt unternehmen. Vas der „w“ könne, das könne er, der „c“, doch auch. „Und ver veiss, fielleicht vird für Dich sogar noch ein neues Einsatzgebiet gefunden. Es vird ja immer fersucht, solche betrieblichen Ferʃlaŋkuŋen und Umgruppieruŋen mit möglichst venig ʃtellenabbau durchzuführen und für abgebaute ʃtellen betriebsinterne Lösuŋen zu finden“, ʃprechen sie ihm gut zu, hoffen mit ihm auf ein win-win-Ergebnis und klopfen ihm auf die ʃulter. Zviʃen ungläubig und hoffnuŋsfoll hört ihnen der Buchʃtabe „c“ zu und lässt sein Tränenbächlein laŋsam fersiegen. „Cincinnati !“, durchzukt es ihn, „da vollte ich ja ʃon laŋ mal hin.“ Die Praxistesterinnen und Praxistester haben ihm Mut gemacht. Er ʃnäuzt sich die Nase und beʃliesst, eŋliʃ zu lernen und für den Anfaŋ sich heute abend im Cinéma einen eŋliʃʃprachigen Film ohne Untertitel anzusehen und anzuhören.

Ein Buchʃtabe für einen Laut

Vo sie bisher Vörter mit x Buchʃtaben geʃrieben haben, ʃreiben die Praxistesterinnen und Praxistester die gleichen Vörter nun mit x-1 Buchʃtaben, also „Frühʃtük“, „Queksilber“ und „Brükenzoll“, in Fällen vie „Lokenviklerin oder Lokenvikler“, „Sokenʃtrikerin oder Sokenʃtriker“ und „Zukerʃlekerin oder Zukerʃleker“ sogar nur mit x-2 Buchʃtaben, und rechnen aus, dass auf diese Veise in einem durchʃnittlichen Buch vohl eine ganze Seite Drukerʃvärze eingeʃpart verden kann. Angesichts der zu Ende gehenden Bodenʃätze und anderer Forräte ist das nicht fiel, aber mehr als nichts, und mehr als nichts ist immerhin etvas.

Vendeltreppenʃteigen

Des Buchʃtaben „c“ Tränenbächlein ist ʃon seit Vochen veggetroknet, als sich die ganze Reihe munterer Praxistesterinnen und Praxistester aufmacht und sich

/Sprix-1-20/

3. August 2020 / RT

 

am Mittwoch, dem 2. September 2020 über die Vendeltreppe hinaufbegibt in

das neunte ʃtokverk,
vo sich zvei Buch
ʃtaben vie ein Esel zu einem „x“ ferkleidet haben

Hexe

Hekse

 

Nach einer aufsehenerregenden Begegnuŋ auf der Vendeltreppe kommen sie ganz aufgeregt und mit fragenden Bliken im neunten ʃtokverk an.  Vährend sie soeben heiteren Mutes dabei varen, gemächlich auf der breiten Vendeltreppe ʃtufe um ʃtufe hinaufzuʃteigen, kamen ihnen mit lautem Geʃrei, treppab fon oben nach unten ʃtürzend, zvei ʃvarz gekleidete Personen mit einer Art ʃporttaʃen, aus denen es immer vieder dumpf klaŋ und irgendvie ferʃlukt und belegt klimperte, entgegen, hätten sie beim Kreuzen beinahe umgerannt, und ferʃvanden immer veiter vetternd in der Tiefe.  ʃprachlos nehmen die Neuankömmliŋe die letzten ʃtufen und erkennen, dass die meisten der alteingesessenen Praxistesterinnen und Praxistester des neunten ʃtokverks fon ihren ʃreibpulten aufgeʃtanden sind und sich ebenfalls aufgeregt miteinander unterhalten.  Vas denn da los sei, fragen die Neuankömmliŋe die am nächsten ʃtehenden Alteingessenen.  Diese ʃprechen alle gleichzeitig, aber nicht im Chor, sondern vild durcheinander und im Chaos. 

Nach und nach legt sich die Aufreguŋ und die Neuankömmliŋe erfahren, dass im neunten ʃtokverk die Praxistesterinnen und Praxistester, venn sie zum Beiʃpiel das Vort „Praxis“ ausʃprechen und sich dabei aufmerksam zuhören, mitten im Vort ein Knallkörper-k und ein Slaloms-s hören, und dass sie aus der Überleguŋ, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, in der Mitte dieses Vortes die Buchʃtaben „k“ und „s“, also „Praksis“ ʃreiben.  Es erveist sich also, dass der fermeintliche Buchʃtabe „x“ nichts anderes ist als eine gemeinsame Ferkleiduŋ, in die sich die beiden Buchʃtaben „k“ und „s“ zusammen teilen, so vie sich im Teater oder im Kabarett gelegentlich zvei Personen hintereinander ʃtellen, sich ein Eselskostüm überverfen und so mit ihren zvei mal zvei Beinen einen fierbeinigen Esel darʃtellen. 

Dementʃprechend ʃreiben die Praksistesterinnen und Praksistester im neunten ʃtokverk in gleicher Veise auch „Ansichtseksemplar“, „Eksamenskoller“, „Heksenkessel“, „Pilzleksikon“, „ʃtabmikser“, Taksiʃtand“, „Verbeteksterin und Verbetekster“  –  und so auch „Ksylofon“. 

Als forhin eine Praksistesterin und ein Praksistester,  –  erfahren die Neuankömmliŋe veiter,  –  die beide im Symfonieorchester virtuos das Ksylofon ʃpielen, gevahr verden, dass ihr Instrument nun plötzlich ohne „X“ daʃteht, geraten sie ausser sich, beginnen zu toben und mit dem ʃreibzeug um sich zu verfen.  Mit dem neuen Umʃtand, dass ihr Symfonieorchester und ihr Ksylofon in der ʃprechʃreibuŋ mit dem Buchʃtaben „f“ geʃrieben verde, könnten sie sich noch einigermassen abfinden.  Dass nun aber ihr einzigartiges Instrument, das Ksylofon, in eine Reihe geʃtellt verde mit dem Klavier und der Klarinette, vürden sie nie und nimmer hinnehmen.  Eine solche ʃreibveise sei nicht nur unmusikaliʃ, sondern geradezu barbariʃ und vürde sie auf die Palme briŋen. 

Die beiden häŋen darum je ihr Ksylofon um, nehmen die ʃlägel zviʃen die Zähne und klettern affengleich auf die beiden Palmen, die, eine liŋks und eine rechts, neben dem Ende der Vendeltreppe ʃtehen, vährend der Kletterei gefährlich zu ʃvaŋken beginnen und mitsamt den ʃveren Kübeln, in denen sie fervurzelt sind, zu kippen drohen.  Hoch oben angekommen, setzen sich die Ksylofonistin und der Ksylofonist je auf einen kräftigen ʃtiel eines Palmvedels, halten sich, mit Beinen und Füssen den Palmenʃtamm fest umklammernd, einigermassen im Gleichgevicht, ʃlagen mit ihren ʃlägeln vild und vütend auf sämtlichen Holzʃtäben ihrer Instrumente auf und nieder, erzeugen so die ʃrillsten Misstöne, die bizarrsten Kläŋe, rufen mit gellenden ʃtimmen gleichzeitig, zu den tief unter ihnen ganz baff zu ihnen hoch hinaufʃauenden Praksistesterinnen und Praksistestern gerichtet, immer vieder :  „Nie und nimmer !  Nie und nimmer!“ und „Niks mit iks, iks bleibt iks !  Niks mit iks, iks bleibt iks !“  Dabei deŋken sie natürlich gevohnheitsmässig „Niks“ und „iks bleibt iks“ mit dem Eselskostümsbuchʃtaben „x“ geʃrieben.  Als sie nun die unten ʃtehenden Praksistesterinnen und Praksistester erbliken, vie sie ohne Reguŋ ʃprachlos und mit ferʃtändnislosen Augen fervundert zu ihnen hinaufʃauen, zukt es ihnen beiden im gleichen Zeitpuŋkt vie ein Blitz durch den Kopf, dass die unten Zuhörenden den fon ihnen geʃrieben gedachten Unterʃied zviʃen „iks“ und „x“ hörend gar nicht fernehmen können,  –  mögen sie beide noch so laŋe „Niks mit iks, iks bleibt iks !“ mit bald heiser ʃtimme viederholen,  –  dass fielmehr jetzt der richtige Moment väre, zviʃen den beiden Palmen ein ʃpruchband mit der Aufʃrift „Nix mit iks, x bleibt x !  Nix mit iks, x bleibt x !“  zu entrollen.  Nur in geʃriebener Form hätte es ihnen geliŋen können, ihr Protestanliegen den Betrachterinnen und Betrachtern ferʃtändlich und sichtbar zu machen.  Da sie nun aber einmal nicht rechtzeitig an ein solches ʃpruchband gedacht und die Palmen ohne eines erklettert haben, vird ihnen die Aussichtslosigkeit ihrer Lage auf den Palmenvipfeln bevusst, sie nehmen vortlos die ʃlägel vieder zviʃen die Zähne, lassen sich die Palmenʃtämme hinuntergleiten, paken unsanft ihre Ksylofone und ʃlägel in ihre Instrumentenkoffer, rufen in den Raum, dass sie ein für allemal genug hätten und dass sie aus dieser kulturhistoriʃen Vidervärtigkeit ausʃteigen vürden.  Unter erneuten lauten Protestrufen ferlassen sie das neunte ʃtokverk und virbeln ʃpiralisierend an den Neuankömmliŋen forbei die Vendeltreppe hinunter und entʃvinden und ferhallen in der Tiefe.  Einzig ein paar bei der Kletterei abgebrochene und zu Boden gefallene grüne Palmvedelblätter zeugen fon dem ʃpuk. 

Daŋk dieser ʃilderuŋ des Geʃehenen durch die Alteingesessenen sind die Neuankömmliŋe nun sofort im Bild über die im neunten ʃtokverk eingeführten Neueruŋen in der ʃprechʃreibuŋ. 

Die meisten Neuankömmliŋe finden es auch logiʃ, dass sie ein „k“ und ein „s“ ʃreiben, venn sie nacheinander ein Knallkörper-k und ein Slalom-s ʃprechen.  Sie finden dies um so mehr, als sie und alle anderen es in Vörtern vie „Deŋkst Du, Du seiest die ʃtärkste oder der ʃtärkste ?“, „Politikskandal“ oder „Tabaksdose“ bereits seit eh und je tun und es niemandem einfällt, hier „Deŋxt Du, Du seiest die ʃtärxte oder der ʃtärxte?“, „Politixkandal“, oder „Tabaxdose“ zu ʃreiben. 

Einige Neuankömmliŋe sind aber darüber im Zveifel und geben zu Bedeŋken, dass durch die unterʃiedliche ʃreibuŋ fon „Hexe oder Hexer“, „Lexikon“ und „Taxi“ gegenüber „deŋkst“, „Politikskandal“ und „Tabaksdose“ augenʃeinlich und für jede Frau und für jeden Mann erkennbar zum Ausdruk gebracht verden könne,

–         dass der iks-Laut-x in „Hexe oder Hexer“, „Lexikon“ und „Taxi“ zum Vortʃtamm, also zum Vesenskern des Vortes, gehöre,

–         vohingegen die Lautfolge Knallkörper-k und Slalom-s in „Deŋkst Du, Du seiest die ʃtärkste oder der ʃtärkste ?“, „Politikskandal“ und „Tabaksdose“ sich aus rein äusseren Umʃtänden und zufällig ergebe,

–         veil auf den Knallkörper-k des Vortstammes „denk-„ die mit einem Slalom-s beginnende Endung der zweiten Person „-st“ folge; 

–         oder die gleiche Lautfolge in „Politikskandal“ sich ergebe, veil das erste Vort dieser Vörterzusammensetzuŋ „Politik“ mit einem Knallkörper-k ende und das zveite Vort dieser Vörterzusammensetzuŋ „-skandal“ mit einem Slalom-s beginne;  

–         oder die gleiche Lautfolge in „Tabaksdose“ sich ergebe, veil zviʃen das Knallkörper-k am Ende fon „Tabak-“ und dem Donner-d zu Beginn der „-dose“ um der leichteren Ausʃprache villen ein Fugen-s vie ein Kuppluŋsʃtük zviʃen zvei Eisenbahnvagen eingefügt verde. 

Alle diese Auskünfte über die Vortbilduŋsgeʃichte könnten nicht mehr zum Ausdruk gebracht verden, venn in sämtlichen Vörten die Lautfolge Knallkörper-k und Slalom-s unterʃiedslos einfach und brutal mit den Buchʃtaben „k“ und „s“ viedergegeben vürde.  Aus diesem Grunde zögern sie, auf die Fervenduŋ des Buchʃtabens „x“ so einfach, kaltherzig und ohne Rüksicht auf kulturhistoriʃe Zusammenhäŋe und die Vortbilduŋsgeʃichte zu ferzichten. 

Die meisten Praksistesterinnen und Praksistester erinnern aber daran, dass sie alle im siebenten ʃtokverk festgeʃtellt haben, dass bei der Lautviedergabe der Grundsatz gelte, dass ein Laut ʃtets mit dem gleichen Buchʃtaben viederzugeben sei, und dass es dieser Grundsatz gerade nicht zulasse, die ʃriftliche Viedergabe eines Vortes mit kulturhistoriʃen Zusatzangaben oder mit Auskünften über die Vortbilduŋsgeʃichte, und seien sie noch so interessant, anzureichern.  Die Hauptsache aber sei, dass alle diese Auskünfte über die Vortbilduŋsgeʃichte, auf die die zveifelnden und Bedeŋken tragenden Neuankömmliŋe so grossen Vert legen, in der mündlichen ʃprache nicht zum Ausdruk gebracht vürden.  Es sei darum nicht einzusehen, varum ʃriftlich mehr zum Ausdruk gebracht verden sollte, als mündlich gesagt vurde.  Ein Tonbandgerät oder ein anderes Aufnahmegerät vürde die Lautfolge Knallkörper-k und Slalom-s unterʃiedslos und immer als Lautfolge Knallkörper-k und Slalom-s viedergeben, unabhäŋig dafon, ob sie zum Vortʃtamm gehöre oder aus dem Aufeinandertreffen fon Vortelementen oder Vörtern entʃtanden sei.  Vie der in der Sonne gevorfene ʃatten eines Gegenʃtandes nicht mehr als diesen Gegenʃtand anzeige, so habe die ʃriftliche Viedergabe eines geʃprochen Vortes auch nicht mehr als dieses viederzugeben.  Die Anreicheruŋ der ʃriftlichen Viedergabe fon etvas mündlich Geʃprochenem mit kulturhistoriʃen Zusatzinformationen oder Geʃichten über die Vortbilduŋ sei ohnehin nur eine Liebhaberei fon Oberlehrerinnen und Oberlehrern, die diese der ganzen deutʃʃprachigen Menʃheit, die daran gar nicht interessiert sei, gegen deren Villen in die deutʃe ʃreibveise aufdräŋen vürden.  Venn sie es könnten, vürden die Oberlehrerinnen und Oberlehrer sogar noch fon der Sonne ferlaŋen, dass aus den ʃatten fon Kain und Abel erkennbar sei, dass es sich um die beiden Söhne fon Adam und Eva handle. 

Venn sich aber ausser der Oberlehrerʃaft ʃon die ganze deutʃʃprachige Menʃheit nicht für Auskünfte über die Vortbilduŋsgeʃichte interessiere, dann gehe es erst recht nicht an, durch die Anreicheruŋ der deutʃen Rechtʃreibuŋ mit Auskünften über die Vortbilduŋsgeʃichte fremdʃprachigen Personen das Erlernen der deutʃen ʃprache unnötigerveise zu erʃveren oder deutʃʃprachigen Kindern den ʃreibunterricht in der ʃule miesmacheriʃ zu fergällen.  Fallen einmal diese Erʃveruŋ und Fergälluŋ veg, sei damit zu rechnen, dass mehr Leute mit grosser Freude Deutʃ lernen und ʃreiben, zumal es dann den venigen, die sich dafür interessieren, immer noch unbenommen sei, Antvorten auf die Fragen nach der Herkunft der in der deutʃen ʃprache fervendeten Vörter zu suchen und der Vortbilduŋsgeʃichte nachzugehen.  Der Nutzen, der durch den Vegfall der Erʃveruŋ und der Fergälluŋ entʃtehe, sei um ein Fielfaches grösser als der beträchtliche ʃaden, der heute durch deren Beibehaltuŋ angerichtet verde. 

Follʃtändig überzeugt verden die zveifelnden Bedeŋkenträgerinnen und Bedeŋkenträger und Anhäŋerinnen und Anhäŋer der kulturhistoriʃen Zusammenhäŋe und Vorbilduŋsgeʃichte nicht.  Der Umʃtand aber, dass die neue ʃprechʃreibuŋ im Praksistest ja nur im Geʃriebenen in der Form fon e-Melduŋen und Kurznachrichten und anderen elektroniʃen Kommunikationsmitteln erʃeint, und dass demgegenüber in allen hochʃtehenden ʃriftʃtüken ja veiterhin die bisherige deutʃe Rechtsʃreibuŋ veitergeführt vird, briŋt sie ʃliesslich dazu, aus angeborener Neugier an Neuem die Entvikluŋ des Praksistests in diesem beʃräŋkten Bereich aufmerksam zu ferfolgen und vie alle anderen Neuankömmliŋe auch die Neueruŋ des neunten ʃtokverks einzuüben. 

So üben sie ʃpielend, indem sie  –  zum ersten Mal in ihrem Leben  –  den Murks als Forbild nehmen und Sätze drechseln vie :  „Mit der Akst fiksiert die Bokserin oder der Bokser das Leksikon am Taksi.“  –  „Als Juks fakst Maximiliane die Rechnuŋ nach Brixen und Sixtus setzt den Codeks auf den Indeks.“  –  „Als Eksperiment rollen eine Saksofonistin und ein Saksofonist mit dem Traks durch die Galaksis.“  „Ekshibitionismus im Paradies ist Luksus.“ 

Den Eselskostümsbuchʃtaben „x“ fervenden die Neuankömmliŋe nur noch in Namen fon Personen vie „Alexandra“ und „Alex“, „Xanthippe“ und „Xaver“ und Ortsnamen vie „Blixen“ und „Xanten“. 

 

„x“ ist guten Mutes

Dass er nun vegen dieser Neueruŋ in den Geistesvissenʃaften seltener zum ʃriftlichen Einsatz kommt, bereitet dem Eselskostümsbuchʃtaben „x“ keine Sorgen, hat ihm doch sein Doppeldasein als Zeichen für ein Knallkörper-k und ein Slalom-s ohnehin nie so richtig behagt;  irgendvie fühlt er sich nun befreit und entlastet.  ʃon immer nämlich neigt er mehr den naturvissenʃaftlichen Seiten des Lebens zu und vill sich jetzt ferʃtärkt seiner Rolle als unbekannte Grösse in algebraiʃen Formeln vidmen.  Es ist absehbar, dass er in dieser Rolle auch immer vieder in x-facher Ausführuŋ zu ʃriftlichen Auftritten in x-beliebigen Teksten x-mal in den Kreis seiner Buchʃtabenkameraden zurükfinden vird.  Da sich zudem unter Iksbeinen niemand etvas forʃtellen, geʃveige denn damit gehen kann, kommen ohne seine Gehhilfe X-Beine nicht aus.  Am allervichtigsten bleibt aber veiterhin seine ausʃlaggebende Rolle bei der Ferteiluŋ der Rollen auf die beiden Hälften der Menʃheit.  Vird es doch ganz fon ihm allein abhäŋen, ob er zveimal oder nur einmal als X-Chromosom bei einem Menʃen auftritt und dieser dann unter einem Damenhut oder unter einem Herrenhut mit einem Damenfahrrad oder einem Herrenfahrrad den Veg durchs Leben fährt.  Aŋst, dass er arbeitslos verden könnte, hat er also nicht, zumal er sich auch noch erinnert, mit velchem Argument die Praksistesterinnen und Praksistester im achten ʃtokverk dem arbeitslos gevordenen Buchʃtaben „c“ zugeʃprochen haben :  „Und ver veiss“, haben sie damals den „c“ aufgemuntert, „fielleicht vird für Dich sogar noch ein neues Einsatzgebiet gefunden.  Es vird ja immer fersucht, solche betrieblichen Ferʃlaŋkuŋen und Umgruppieruŋen mit möglichst venig ʃtellenabbau durchzuführen und für abgebaute ʃtellen betriebsinterne Lösuŋen zu finden.“ 

 

Zvei Buchʃtaben für zvei Laute

Vo sie bisher Vörter mit x Buchʃtaben geʃrieben haben, ʃreiben die Neuankömmliŋe die gleichen Vörter nun mit x+1 Buchʃtaben, also „Praksis“, „Ekserzierfeld“, „Geldmeŋeneksplosion“, „Eksistenzaŋst“ und „Luksuskarrosse“, in Fällen vie „Akstleksikon“ oder „Taksicodeks“ sogar mit x+2 Buchʃtaben, und rechnen aus, dass auf diese Veise in einem durchʃnittlichen Buch vohl eine ganze Seite Drukerʃvärze mehr ferdrukt verden muss.  Da sie sich aber erinnern, dass sie im ersten ʃtokverk mit dem ʃaumvein-ʃ in Vörtern vie ʃlaraffenland und ʃleiereule zvei Buchʃtaben, in der ʃaumveinʃvemme sogar fier Buchʃtaben eingeʃpart haben, lassen sie sich desvegen keine grauen Haare vachsen. 

 

Die Gerüchteküche

Im Laufe der Zeit verden die Neuankömmliŋe im neunten ʃtokverk zu gevöhnlichen Praksistesterinnen und Praksistestern, ja nach und nach sogar selber zu Alteingesessenen, die nun den neuen Neuankömmliŋen zu deren Fervunderuŋ die Geʃichte fon den beiden protestierenden und palmenerklimmenden Mitgliedern des Symfonieorchesters in allen Farben und allen Einzelheiten so genau nachʃildern, als ob sie selber dabei gevesen vären, sich aber dabei darüber ʃtreiten, ob es eine Ksylofonistin und ein Ksylofonist oder eine Saksofonistin und ein Saksofonist oder eine Ksylofonistin und ein Saksofonist oder eine Saksofonistin und ein Ksylofonist varen. 

Als zvei dieser Alteingesessenen den neuen Neuankömmliŋen dazu noch berichten, die Palmbesetzerin und der Palmbesetzer hätten zviʃen den beiden Palmenvipfeln oben ein ʃpruchband mit der Aufʃrift „Nix mit iks, x bleibt x !“ entrollt, viderʃprechen die anderen aber so heftig, vie venn sie selber dabei gevesen vären und mit eigenen Augen gesehen hätten, dass die beiden nicht ein ʃpruchband entrollt haben, obvohl sie sich selber zur Zeit des Geʃehens noch im Aufʃtieg auf der iVendeltreppe befunden haben, dort zvei herunterflitzende Personen gekreuzt und fom Geʃehenen erst aus der ʃilderuŋ der damaligen Alteingesessenen erfahren haben. 

 

Vendeltreppenʃteigen

Zu einer Einiguŋ gelaŋen die jetzt Alteingesessenen in diesen ʃtreitfragen nicht, lassen diese offen und lassen nach geraumer Zeit die neuen Neuankömmliŋe damit allein und brechen

 

/Sprix-1-21/

2. September 2020 / RT

 

am Donnerstag, dem 1. Oktober 2020 auf in

 

das zehnte ʃtokverk, vo „k“ drauf ʃteht, venn ein Knallkörper-k drin ist

 

Fuchs im Chor

Fuks im Kor

 

Die ehemaligen Alteingesessenen fom neunten ʃtokverk sind nun im zehnten ʃtokverk vieder Neuankömmliŋe, die die beiden ʃriftlich im Eselskostümsbuchʃtaben-x ferkleidet auftretenden Laute, das Knallkörper-k und das Slalom-s, ʃpielend als „k“ und „s“ ʃreiben oder eintippen.  Sie haben es sich in den unteren ʃtokverken angevöhnt, zu hören, vas sie sagen, und hören darum, dass sie auch in Vörtern vie „Füchsin und Fuchs“, „Lüchsin und Luchs“, „Ochse“, „kleinvüchsiges Virtʃaftsvachstum“ und „Bienenvachskerze“ ein Knallkörper-k und ein Slalom-s sagen, vohingegen in der deutʃen Rechtʃreibuŋ etvas ganz anderes, nämlich die Buchʃtabentroika „c“ und „h“ und „s“ geʃrieben vird;  einige sind allerdiŋs der Meinuŋ, es handle sich nicht um eine Buchʃtabentroika, sondern um das Buchʃtabenduo „c“ und „h“ und um den Buchʃtaben „s“.  Jedenfalls ʃreiben sie aus der Überleguŋ, dass einem Laut ein Buchʃtabe entʃprechen soll, nun auch in diesen Fällen ganz zvaŋslos „Füksin und Fuks“, „Lüksin und Luks“, „Okse“, „kleinvüksiges Virtʃaftsvakstum“ und „Bienenvakskerze“. 

Auch hier im zehnten ʃtokverk nehmen sie den Murks als Forbild, tun Sätze diesmal aber drekseln vie :  „Höchstvahrʃeinlich lässt der flaksblonde Aŋelsakse oder die flaksblonde Aŋelsäksin im Geväkshaus Erikageväkse und Liliengeväkse zusammen aufvaksen.“  –  „Mittvochs ist der Okse immer auf Akse.“  –  „Der Nachvuks der Lüksin und des Lukses lukst der Füksin und dem Fuks die Gans ab und den Gänserich.“  –  „Ist Zuvaks an Alter auch Zuvaks an Veisheit ?“  –  „Seks Fenster in der Mauer sind auf lateiniʃ sex fenestrae in muro.“  –  „Ausgevaksen sind der Geldveksler und die Geldvekslerin nächstens hochgevaksen.“ 

 

Hören vor dem ʃreiben

Da ʃprache fon ʃprechen kommt, ʃteht am Anfaŋ der geʃprochene Laut und nicht der geʃriebene Buchʃtabe.  Damit vir den geʃprochenen Laut hören, müssen vir hinhören und nicht Buchʃtaben anʃauen.  Im zehnten ʃtokverk geben darum die Praksistesterinnen und Praksistester nur den gehörten Knallkörper-k-Laut mit dem Buchʃtaben „k“ vieder;  sie ersetzen nicht blindliŋs in allen Fällen die Buchʃtabenfolge „c“ und „h“ und „s“ ungehört einfach durch ein „k“ und ein „s“  –  und ʃreiben darum zum Beiʃpiel „höchstvahrʃeinlich“, „nächstens“ und „Lachsalve“. 

 

Ein Buchʃtabe für einen Laut

Vo sie bisher Vörter mit x Buchʃtaben geʃrieben haben, ʃreiben die Praksistesterinnen und Praksistester die gleichen Vörter nun mit x-1 Buchʃtaben, also „Deiksel“, „Veikselmarmelade“ und „Zukerbükse“, in Fällen vie „Vekselvakstum oder Vakstumsveksel“ und „zvergvüksige Akselzukerinnen und zvergvüksige Akselzuker“ sogar nur mit x-2 Buchʃtaben, und rechnen aus, dass auf diese Veise in einem durchʃnittlichen Buch vohl eine ganze Seite Drukerʃvärze eingeʃpart verden kann.  Angesichts der zu Ende gehenden Bodenʃätze und anderer Forräte ist das nicht fiel, aber mehr als nichts, und mehr als nichts ist immerhin etvas. 

 

Buchʃtabenduo im Kor

Dass es sich hier nicht um eine Buchʃtabentroika, sondern um ein Buchʃtabenduo handelt, das auch ohne den Buchʃtaben „s“ auskommt und als Knallkörper-k ausgeʃprochen vird, hören die Praksistesterinnen und Praksistester in Vörtern vie „Kaos“, „Klor“ und „Kor“. 

 

Vendeltreppenʃteigen

Vieder verden nach Vochen des Übens und Testens die Neuankömmliŋe zunächst zu Eingesessenen und dann zu Alteingesessenen, bis sie sich ʃliesslich

 

/Sprix-1-22/

1. Oktober 2020 / RT

 

am Samstag, dem 31. Oktober 2020 auf der Vendeltreppe hinaufbegeben in

das elfte ʃtokverk,
vo sich zvei Buch
ʃtaben vie ein Zebra zu einem „z“ ferkleidet haben

Zug

Tsug

 

Die Praksistesterinnen und Praksistester haben sich in den unteren ʃtokverken dazu erzogen, nichts zu ʃreiben, vas sie nicht mit eigenen Ohren gehört haben.  Bei aufmerksamem Hinhören hören sie nun, dass sie bisher Anderes geʃrieben haben, als sie gehört haben.  So haben sie zum Beiʃpiel „Zug“ geʃrieben und „ziʃen“, vo sie doch „Tsug“ und „tsiʃen“ gehört haben und veiterhin hören.  Sie merken nun, dass sie es mit diesem Buchʃtaben „z“ vieder mit einem Oberbuchʃtaben zu tun haben, der unter sich die beiden Buchʃtaben „t“ und „s“ verstekt;  dass der fermeintliche Buchʃtabe „z“ also gar nichts anderes ist als eine gemeinsame Ferkleiduŋ, in die sich die beiden Buchʃtaben „t“ und „s“ zusammen teilen, so vie sich im Teater oder im Kabarett gelegentlich zvei Personen hintereinander ʃtellen, sich ein gemeinsames Zebrakostüm überverfen und so mit ihren zvei mal zvei Beinen ein fierbeiniges Zebra darʃtellen.  Die Buchʃtaben „t“ und „s“ ferkleiden sich also hier im elften ʃtokverk als „z“ unter einem Zebrakostüm, vie sich im neunten ʃtokverk unten die Buchʃtaben „k“ und „s“ als „x“ unter einem Eselskostüm ferkleidet haben. 

Die Praksistesterinnen und Praksistester haben mit dem Grundsatz, dass ein Laut immer mit dem gleichen Buchʃtaben viedergegeben verden soll, gute Erfahruŋen gemacht.  Sie sehen nicht ein, varum nun auf einmal zvei Laute mit einem Buchʃtaben viedergegeben verden sollen.  –  Und ʃon vieder ist der Buchʃtabe „s“ dabei.  Er ʃeint ein Liebhaber fon Mummenʃanz und Maskerade zu sein.  Die Praksistesterinnen und Praksistester sind aber der Meinuŋ, dass fremdʃprachigen Personen, die Deutʃ lernen vollen, und deutʃʃprachigen Kindern, die lernen vollen, deutʃ zu ʃreiben, dies nicht unnötigerveise durch überflüssigen ʃabernak erʃvert verden sollte.  Sie halten darum daran fest, dass ein Laut immer mit dem gleichen Buchʃtaben viedergegeben verden soll, und ʃreiben dementʃprechend, venn sie nacheinander eine T-Detonation und ein Slalom-s hören, ganz tsvaŋslos  :  „Tsapfentsieher“, „Tsinsestsins“, „Tseitgenossin und Tseitgenosse“, „Tsugfogel“, „Tsveiertselt“, „Tsimmerlinde“ und „Tsukertsaŋe“. 

Venn vir „Hut“ sagen, hauchen vir tsuerst einen Hauchlaut, lassen dann die ʃtimmbänder heulen vie ein Uhu, ʃtoppen dann den Luftʃtrom, indem vir die Tsuŋe hinter die oberen Fordertsähne pressen, und lassen dann, venn genügend Luftdruk aufgebaut ist, die Tsuŋe auf ein Mal los und lassen so eine richtige T-Detonation ertönen.  Venn vir in Vörtern vie „Hut“, „Amt“ oder „Ort“ eine T-Detonation ertönen lassen, detoniert die gantse angeʃtaute Luftmasse auf einen ʃlag, vie die Luft detoniert, venn vir mit einer ʃteknadel in einen aufgeblasenen Luftballon ʃtechen.  Lassen vir hingegen dem T-Detonations-Laut unmittelbar anʃliessend ein Slalom-s folgen vie in „Amtseid“, „bereits“ oder „Ortsmitte“, dann entveicht die angeʃtaute Luftmasse nicht auf einen ʃlag in einer Detonation, sondern entveicht kontrolliert tsiʃend durch die Tsähne mit dem Slalom-s-Geräuʃ, das vir hören, venn vir aus dem alltsu fest gepumpten Fahrradreifen durch das aufgedrehte Ventil etvas Luft entveichen lassen.  Dass unmittelbar auf den T-Detonations-Laut ein Slalom-s-Laut folgt, ist für die Praksistesterinnen und Praksistester im elften ʃtokverk kein Grund, diese Laute nicht mit den Buchʃtaben „t“ und „s“ viedertsugeben, tsumal sie dies  –  vie übrigens alle anderen auch  –  in Vörtern vie „Abseitsfalle“, „Allerveltsvort“, “Amtseid“, „bereits“, „Gehaltserhöhuŋ“ oder „Ortsmitte“ bereits seit eh und je tun und es niemandem einfällt, hier „Abseizfalle“, „Allervelzvort“, “Amzeid“, „bereiz“, „Gehalzerhöhuŋ“ oder „Orzmitte“ tsu ʃreiben. 

Vie ervartet geben einige Praksistesterinnen und Praksistester  –  vie ʃon im neunten ʃtokverk unten  –  auch hier im elften ʃtokverk tsu Bedeŋken, dass durch die unterʃiedliche ʃreibuŋ fon „ʃvarzmalerin und ʃvarzmaler“ mit dem Buchʃtaben „z“ einerseits und „Ortsmitte“ mit den Buchʃtaben „t“ und „s“ anderseits augenʃeinlich und für jede Frau und für jeden Mann erkennbar tsum Ausdruk gebracht verden könne, dass der zet-Laut-z in „ʃvarzmalerin und ʃvarzmaler“,  –  der genau genommen tsis-Laut-tsis heissen sollte, da er ja auf ein Slalom-s endet,  –  tsum Vortʃtamm, also tsum Vesenskern der Vörter „ʃvarmzmalerin und ʃvarzmaler“ gehöre, vohingegen die Lautfolge T-Detonations-t und Slalom-s in „Ortsmitte“ sich aus rein äusseren Umʃtänden und tsufällig ergebe, veil auf die T-Detonation am Ende des Vortes „Ort-“ ein Slalom-s als Fugenlaut for dem tsveiten Vort „-mitte“ folge.   Sie bedauern auch hier, dass diese Auskünfte über die Vortbilduŋsgeʃichte nicht mehr tsum Ausdruk gebracht verden könnten, venn in sämtlichen Vörten die Lautfolge T-Detonations-t und Slalom-s unterʃiedslos einfach und brutal mit den Buchʃtaben „t“ und „s“ viedergegeben vürde.  Vie ʃon im neunten ʃtokverk sehen sie aber ein, dass es hier in erster Linie um die genaue Viedergabe geʃprochener Laute und nicht um die Tsurʃauʃtelluŋ kulturhistoriʃer Tsusammenhäŋe und der Vortbilduŋsgeʃichte geht und sie vagen es darum auf Tsusehen hin, die Lautfolge T-Detonations-t und Slalom-s in ihren e-Melduŋen und Kurtsnachrichten und anderen elektroniʃen Kommunikationsmitteln durchgehend mit den Buchʃtaben „t“ und „s“ viedertsugeben. 

In Betrachtuŋ etva der „Tsimmerlinde“ oder der „Tsukertsaŋe“ meinen nun einige andere Praksistesterinnen und Praksistester :  „Das sieht nun aber virklich eigenartig, fremdartig, ja sogar ʃräg aus !  Bei einer solchen ʃreibveise findet ja jemand die Tsukertsaŋe selbst dann nicht, venn sie for seinen eigenen Augen for ihm auf dem Tiʃe liegt !“  –  „Die Tsukertsaŋe sieht immer gleich aus und es ist ihr egal, vie sie ausgeʃprochen vird und vie sie geʃrieben vird“, entgegnen andere.  „So geʃrieben mag die Tsukertsaŋe für Euch ja  –  anfäŋlich  –  ʃräg aussehen.  Tatsache ist aber, dass vir alle so ʃprechen  –  und ʃon seit jeher so geʃprochen haben.  Nun seht Ihr einfach endlich einmal, vie vir ʃprechen,  –  und Ihr seht, vie das für fremdʃprachige Personen in deren Ohren tönen muss.  Kein Vunder, dass fremdʃprachige Personen die deutʃe ʃprache für eine fremdartige ʃprache halten.  Tsuerst tönt sie so, dann vird sie gants anders geʃrieben.  Mit der ʃprechʃreibuŋ vird das Erlernen der deutʃen ʃprache sehr fereinfacht und erleichtert.  Natürlich ist die neue ʃprechʃreibuŋ für uns alle anfäŋlich gevöhnuŋsbedürftig.  Darum machen vir ja alle diesen Praksistest und üben uns tsunächst in veniger vichtigen ʃriftlichen Äusseruŋen vie in e-Melduŋen und Kurtsnachrichten in diese fernünftige ʃreibveise ein.  Erʃtaunlich an den Menʃen ist doch, dass sie das Fernünftige nicht für selbstferʃtändlich halten, sondern sich erst daran gevöhnen müssen.  Offenbar kann Unfernunft bequem sein.  In kurtser Tseit verdet Ihr Euch aber an die ‚Tsukertsaŋe’ gevöhnt haben und gar nicht mehr ferʃtehen können, vie Ihr sie so laŋe habt anders ʃreiben können.“ 

Immer vieder fon derartigen Erörteruŋen unterbrochen ʃreiben sie veitere tsebralose Gebilde vie :  „Tsehn Tseitgenossinnen und Tseitgenossen tsupfen mit Tsukertsaŋen im Heitsuŋskeller tsehn Tseken fon der Tsimmerlinde.“  –  „Auf dem Abtsiehbild vird das Baltsferhalten der Tsugfögel getseigt.“  -„Tsvölf ʃpatsiergäŋerinnen und ʃpatsiergäŋer tsüken nach der Konferents den Tsapfentsieher.“  –  „Das Tsipperlein tantst tsviʃentseitlich auf dem Vurtselstok.“  –  „Ausser Tseug gibt es im veltall nichts.“ 

Personen und Orte lassen sie, vie sie sind :  „Zenobia und Zarathustra“, „Hinz und Kunz“, „Zuoz und Prenzlau“.  Es ist also durchaus möglich, dass ein Tsug von Zug nach Zürich und der gleiche Tsug von dort vieder nach Zug tsurük fährt. 

 

Tsvei Buchʃtaben für tsvei Laute

Vo sie bisher Vörter mit x Buchʃtaben geʃrieben haben, ʃreiben die Praksistesterinnen und Praksistester die gleichen Vörter nun mit x+1 Buchʃtaben, also „Tsug“ ʃtatt vie bisher „Zug“ und „tsiʃen“ ʃtatt vie bisher „ziʃen“, in Fällen vie „Tsukertsaŋe“ ʃtatt vie bisher „Zukerzaŋe“ und „tsviʃentseitlich“ ʃtatt vie bisher „zviʃenzeitlich“ sogar mit x+2 Buchʃtaben, und rechnen aus, dass auf diese Veise in einem durchʃnittlichen Buch vohl eine gantse Seite Drukerʃvärtse mehr ferdrukt verden muss.  Da sie sich aber erinnern, dass sie im dritten ʃtokverk, vo laŋ kürtser vird, mit dem Tsahnhals-ŋ in Vörtern vie „eŋ“ und „Gaŋ“ tsvei Buchʃtaben, in „Siŋsaŋ“ und „Kliŋklaŋ“ sogar fier Buchʃtaben eingeʃpart haben, lassen sie sich desvegen keine grauen Haare vaksen. 

 

Vendeltreppenʃteigen

Selbst hart gesottene Praksistesterinnen und Praksistester haben im elften ʃtokverk mit gevissen Vörtern manchmal Mühe und müssen etva „Abʃturtsʃtelle“, „Abkürtsuŋsfertseichnis“, „Betsirksartst“, „Detsimaltsahl“, „Finantstseitʃrift“, „Hertsʃmerts“ oder „Kreutsvorträtseltseituŋ“ richtiggehend vieder entbuchʃtabieren, befor sie mit ihren geistigen Ohren hören, vas sie geʃrieben haben.  So übend ferveilen sie im elften ʃtokverk.  Mit der Tseit geliŋt es ihnen aber immer besser, diese ʃriftbilder fon ihrem Kurtstseitgedächtnis in ihr Laŋtseitgedächtnis tsu ferʃieben und dort abrufbereit tsu ʃpeichern, so dass sie beim Anblik auch solcher Vörter auf Anhieb hören, vas geʃrieben ʃteht.  Nach fier Vochen fühlen sie sich aber sicher genug und ʃteigen

 

/Sprix-1-23/

31. Oktober 2020 / RT

 

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